Hier nun liegen die Wurzeln der japanischen Horrorgeschichte. Heiß und schwül war es im Sommer schließlich schon immer in Edo, wie Tokio früher genannt wurde. Ein Gang in die Buchhandlung hilft, die Frage zu beantworten, wie sich Japaner damals Abkühlung verschafften. „Japanische Geistergeschichten“ liegen da in großen Stapeln, es gibt sogar einen „Überlebensführer für den Umgang mit japanischen Monstern“. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert erzählten sich die Menschen in Japan in heißen Nächten gerne Geistergeschichten. „Kaidan“ heißen diese Erzählungen zum Gruseln. Gänsehaut, kalter Schweiß, der einem den Nacken herunterläuft und kühlt – die Geister- und Gruselgeschichte ist die Klimaanlage alter Zeiten.
     Eine der bekanntesten Geistergeschichten aus der Edo-Zeit ist die Geschichte von Okiku. Okiku war eine Dienstmagd beim Samurai Tessan Aoyama. Der Samurai machte ihr Avancen, doch das Mädchen blieb standhaft gegen den herrischen Mann aus der Kriegerkaste, die damals in Edo das Sagen hatte. Aoyama, Widerspruch nicht gewöhnt, versteckte eines Tages einen von zehn wertvollen Tellern und stellte Okiku vor die Alternative: Entweder sie willigt ein, seine Geliebte zu werden, oder sie wird öffentlich des Diebstahls bezichtigt. Das verzweifelte Mädchen ertränkte sich im Brunnen. Okikus Geist steigt seitdem jede Nacht aus dem Brunnen hervor, zählt langsam bis neun – und bricht dann in ein herzzerreißendes Schluchzen aus. Aoyama wird durch das Heulen und Schluchzen in den Wahnsinn getrieben.
     Wer keine Gänsehaut bekommt, wem der Angstschweiß immer noch nicht den Rücken herunterläuft, obwohl der Nachbar die Geschichte von Okiku mit vielen furchtbaren Details ausgeschmückt hat, dem bleibt noch "Kimodameshi", die Geister-Mutprobe. In Tokio ist sie schwierig, denn es gibt dort kaum noch dunkle und verwunschene Ecken, in denen die Großstädter die Mutprobe mit den Geistern suchen können. Doch in der Provinz ziehen auch heute noch immer wieder ganze Familien los. Erst die Geistergeschichten, dazu Somen, japanische Fadennudeln, mit Eis gekühlt, dann einen Sake und schließlich ab in den dunklen Bambuswald mit seinen nächtlichen Geräuschen. Wen es dabei immer noch nicht fröstelt, wenn er im Wald nach Nekomata, Dorotabo, Nure Onna sucht – um nur einige der besonders furchtbaren japanischen Geister zu nennen – dem ist wirklich nicht zu helfen. Oder er geht in die Buchhandlung und holt sich einen der modernen Schocker, die dort überall ausliegen.

Carsten Germis © 01/2014

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