„Und … he, was ist mit dir?“, sprach der arme Mann, der arbeiten ging, den Jungen auf der Bank an. „Bist du krank? Oder was?“ Er sah ihn besorgt an. Der Junge, schon grün im Gesicht, schüttelte nur den Kopf. „Soll ich nicht jemanden anrufen? Einen, der dich abholen kommt?“ Er fasste den Jungen an der Schulter und beugte sich zu ihm. Dem Jungen rutschte die Salami aus dem Shirt, sie rollte ein Stück weg, als wollte sie fliehen. Und er fing an zu weinen. Aus heiterem Himmel, er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Jemand kümmerte sich um ihn, das schnürte ihm die Brust ab. Trockene Schluchzer schüttelten den mageren Kerl.

***

Ein cleverer kleiner Straßenköter schnappte sich die Salami und raste mit vor Begeisterung und Fahrtwind flatternden Ohren davon. Was zum Teufel sind das für Menschen, die einfach eine Wurst wegwerfen, empörte sich der Hund. Aber mir soll’s recht sein, freute er sich. Direkt vor dem asiatischen Laden musste er sich schütteln. Diese scharfen Gerüche, das hält doch kein Hund aus! Die Salami rutschte ihm aus dem Maul, rollte hinter einen Container. Mit entsetztem Blick musste er feststellen, dass er die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatte. Der Wirt war in diesem Fall ein fliegender Mann. Er flog fast waagerecht durch die Luft und landete direkt auf der Salami! Betrübt wandte sich der Hund ab und trottete los. Die Welt gehört dem Stärkeren, stellte er wieder einmal fest. Daran wird sich wohl nie etwas ändern.

***

Der Mann auf der Salami keuchte. Verdammt, schon wieder hatte er sich schocken lassen! Und was drückte da so unter seinem Bauch? Verwundert zog er die Salami hervor. Er war vor einem Angriff mit Handfeuerwaffen hinter den Container geflüchtet. Aber er war ja gar nicht mehr im Irak! Das grauenhafte Geräusch rührte von nichts weiter her als von einer Gruppe älterer Leute, die alle beige Windjacken und praktisches Schuhwerk trugen und Rollkoffer hinter sich her zogen. Diese Rollkoffer! Auf den Pflastersteinen war das Geräusch  täuschend einem gedämpften Pistolenknattern ähnlich. Aber die Touristen hatten es nicht auf sein Leben abgesehen. Sie summten fröhlich ein Kirchenlied, fried-  und tierliebend und gottesfürchtig. Der amerikanische Ex-Soldat sprang beschämt auf und klopfte sich die Sachen sauber. Er machte sich wieder auf den Weg. Die Salami nahm er mit. Er hatte heute Abend ein Stelldichein. War Salami nicht ebenso gut wie Blumen? Auf der Suche nach Batterien für seinen iPod stolperte er gedankenverloren in den nächstgelegenen Laden.

    Er hatte ja nicht geahnt, dass dies ein Souk war. Immer weiter in die Tiefe führte der Laden, Raum für Raum. Zwischen Türmen von Türschlössern, Klebeband, Plastikschüsseln und Taschenlampen war er bald verloren und sehnte sich nach Freiheit. Panik erfasste ihn. Er war eingesperrt in Tonnen von Billig-Produkten. Er würde sein Leben aushauchen, eingepfercht zwischen nicht enden wollenden Plastikkoffern. Koffern in allen Größen und Farben. Mit Rollen und ohne. Keiner teurer als 10 Euro. Er stöhnte. Ein alter Mann mit einem Turban erschien wie Aladin aus der Wunderlampe. „Salami!“, forderte er. Wenn das der Preis der Freiheit war, no problem. Er reichte dem Alten die Wurst und der ging vor ihm her. Nach draußen. Im Tageslicht ging dem Amerikaner auf, dass der Araber gar nicht Salami gesagt hatte. Er hatte ihn nur gegrüßt: Salam! Lautlos fluchte er vor sich hin. Jetzt musste er doch noch Blumen besorgen.

zurück weiterlesen