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Asa streckte die Hände nach dem bleichen Mann aus, um ihm aufzuhelfen. Aber der drückte ihr eine Salami in die Hand. Okay, das Abendbrot war gesichert. Wurstsalat, dachte sie verschwommen. Schon im nächsten Moment wurde sie von dem Strom singender Menschen weiter getragen. Hoch die internationale Solidarität! Alle skandierten jetzt diesen Ruf. Sie trug ihre Nationaltracht und sah aus wie eine Prinzessin aus dem Morgenland. In drei Tagen würde sie heiraten. Bei dem Gedanken wurde ihr leicht ums Herz und ein Lächeln verzauberte ihr Gesicht. Das Glück stand vor der Tür, ihr Hochzeitskleid hatte sie schon vor Wochen genäht. Sie würde heiraten und endlich die Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Und ausziehen aus dem Flüchtlingsasyl, aus dem winzigen Zimmer mit der schimmligen Gemeinschaftsdusche auf dem Flur und der rostigen Küche für sieben vielköpfige Familien. Aus dem Leben, das sie seit fünf Jahren mit ihren Eltern und den vier Geschwistern auf 30 Quadratmetern teilte. Sie strahlte vor Freude.

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Wohlmöglich hatte Sergio das Lächeln  falsch interpretiert. Er breitete die Arme aus und rief: „Komm her, Asa, meine Schöne!“ Umstandslos zog er sie am Arm in seinen Feinkostladen. Wie immer breitete er seine Köstlichkeiten auf einem Tischchen für sie aus. Sizilianische Wurst, Käse aus Umbrien, ligurische Oliven, Wein aus der Toskana, Crostinicreme mit Sommertrüffeln. Asa ließ sich nicht lange bitten. Sergio liebte sie, seit sie sich vor Jahren zum ersten Mal begegnet waren. Aber er liebte sie wie ein Vater, auch wenn Asa das zuerst nicht glauben wollte. Asa war seine schöne Tochter. Seine richtige Tochter lebte in Toronto. Zu weit weg. Und seine sieben Söhne waren eben Söhne. Er sah durch die Schaufensterscheibe seines Ladens auf die Schneiderei, die sein Ältester betrieb. Ein anderer führte ein Restaurant um die Ecke. Ein dritter die Weinhandlung zwei Häuser weiter. Noch nie ist bei einem von ihnen eingebrochen worden. Sie waren schließlich Sizilianer. Sergio lächelte, sah wieder zu Asa und schenkte ihr Wein nach. So entging ihm, dass der bleiche Junge mit den vielen Piercings die Salami mitgehen ließ, die Asa auf dem Tisch nahe der Tür hatte liegen lassen.

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Der Junge schob sich die Wurst unter sein Kapuzenshirt und eilte weiter. Die würde er verkaufen können. Er brauchte das Geld. Er brauchte seinen Schuss. Fast stolperte er auf der Rolltreppe, die ihn in den Untergrund führte. Das Neonlicht ließ seine bleiche Gesichtshaut noch fahler erscheinen. So eine kurze Fahrt und trotzdem war er mitten in Istanbul. Oder in Ankara? Die wilden Jungen seines Alters grölten und protzten. Springmesser schnappten, Schlagringe sprangen. Er kannte diesen Sound. Er wusste, er war ein Opfer. Ihm wurde übel. Zitternd setzte er sich auf eine Bank an der Wand. Und wie sollte er seiner Mutter erklären, warum er wieder nicht in der Schule war? Aber sie würde es ja doch nicht einmal bemerken. Wenn sie überhaupt mal zu Hause war, war sie müde und kaum ansprechbar. Direkt vor ihm brüllte jemand, so dass er zusammenfuhr. „Mensch, altes Haus! Lebst du noch?“ „Sicher“, antwortete der so Angesprochene und schüttelte seinem Jugendfreund die Hand. „Und, in Rente?“ „Nein.“ „Ach, Arbeitslosengeld?“ „Nein.“ „Also Stütze?“ „Nein.“ „Mensch, wovon lebst du denn?“ „Ich geh’ arbeiten.“ Sichtlich erschüttert raunte der Freund: „Ach du Scheiße.“

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