Leben in der Großstadt

Miehes Romane spiegeln die Atmosphäre der 1970er und 1980er-Jahre wider, die Paranoia und den Wagemut, haben jedoch nichts mit dem damals populären Soziokrimi gemein. Die Kriminalfälle und ihre Auflösung sind nur nebensächlich, vielmehr erzählt Miehe von den Menschen und ihren Träumen. Dabei entwirft er Bilder von den jeweiligen Milieus, er will jedoch kein Abbild der Wirklichkeit schaffen. Ebenso wie bei Frank Göhre ist „realitätsnah“ nicht ein ersehntes Etikett, sondern diese Autoren sehen sich der Wirklichkeit verpflichtet, indem sie sie mit literarischen Mitteln verarbeiten. Und so erzählt Frank Göhre in seiner Kiez-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), „Der Tod des Samurai“ (1989) und „Der Tanz des Skorpions“ (1991) am Beispiel von St. Pauli von der bundesrepublikanischen Verwobenheit von Politik, Justiz, Wirtschaft und Unterwelt. Beziehungen gründen auf Macht und Sex, Liebe ist zum Scheitern verurteilt. Die Kriminalfälle – der Tod einer Tänzerin, die Ermordungen eines Killers und eines Gangsterkönigs – sind die Aufhänger, vor allem aber erzählt Göhre von dem Leben im Kiez. Seine Kommissare Broszinski, Gottschalk und Fedder geraten im Verlauf der Trilogie auf verschiedenste Weise auf Abwege, der Aufstieg des Gangsterkönigs Werner „Emma“ Stobbe ist indes kaum aufzuhalten. Er hat beste Verbindungen in die Politik, so dass die Polizisten an ihm scheitern müssen – jedoch ist auch Stobbe nicht gegen die Tat eines Mörders immun.

    Göhres Stil erinnert mit den kurzen, stakkatohaften Sätzen und dem schnellen Rhythmus an James Ellroy und David Peace, jedoch flicht er immer wieder leise Beobachtungen ein und montiert die Perspektiven in einzigartiger Weise. Dadurch werden in kleinen Szenen Abhängigkeiten und Machtgefälle deutlich – sei es zwischen Verbrecherkönig und Politiker oder zwischen den Polizisten im Auto und den Prostituierten auf der Straße – und erscheint ein Ex-Polizist gleichermaßen als große Gefahr und letzte Hoffnung der Aufrichtigkeit. Dabei mischt Göhre Fakten mit Fiktionen, sind deren Grenzen ebenso verschwommen wie zwischen Gut und Böse. Denn die Welt steckt voller Versuchungen und Betrügereien, großer und kleiner Grässlichkeiten. Verbrecher werden nur selten überführt und bestraft, meist trifft es die Falschen. Göhres Figuren sind Menschen, die sich in einem bestimmten Milieu bewegen – mit allen Konsequenzen. Einige wollen einfach nur irgendwie überleben, andere geraten auf Abwege – aus Zufall oder Berechnung, bei allen ist das Scheitern zwangsläufig. Die Kriminalfälle sind nebensächlich, das Verbrechen allgegenwärtig und allein schon deshalb nicht im Einzelnen aufzuklären; und doch sind sie es, die Verzweiflung und Schmerz hervorrufen, Verwirrung und Klarheit stiften.

    Ulf Miehe und Frank Göhre verbindet die stilistische Nähe zum filmischen Erzählen, ihr Interesse für die kleinen Leute und die Verquickung von Verbrechen und Politik, bei der es stets um Macht geht – und vor allem eine bestimmte Haltung gegenüber der Wirklichkeit mit all ihren Schattenseiten.

Sonja Hartl© 02/2015

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