Zwischen der literarisch konstruierten Wirklichkeit und der realen Realität besteht immer noch ein kategorialer Unterschied. Andererseits ist ein probates Mittel, eine „tiefere Realität“ zu konstruieren, die die „Realität der Realität“ dementiert, wie Boltanski sagt, sicher die literarisch-ästhetische Fiktionalisierung. Das Ergebnis dieser Operation aber bleibt paradoxerweise gleich. Der Ermittler, der das Rätsel gelöst hat, also in die „tiefere Realität“ unter der als real dargestellten Realität eingedrungen ist, hat am Ende, mit der Lösung des Falles, die Ordnung wiederhergestellt. Die von Boltanski festgestellte tiefere Realität ist also nur eine weitere Manifestation der oben angesprochenen stabilen Ordnung, die man nur etwas umständlicher, aber grundsätzlich möglich, transparent machen muss. Das Unbehagen, das sich an dieser Stelle auftut, scheint auch Boltanski umzutreiben: „Die Aufrechterhaltung der Ordnung beruht auf einer Aussetzung oder Umgehung des Rechts, sie greift mit anderen Worten auf eine Ausnahme-Regelung zurück“. Deswegen könne man diese Ordnungsleistung auch nicht den vorgeblich Recht und Legalität verpflichteten Polizisten überantworten, sondern der weniger durch diese Parameter determinierte Privatermittler muss diese Leistung erbringen.

Und genau an dieser Stelle wird die ganze Komplexität des Themas überdeutlich. Denn die Rede von der „Ausnahme-Regelung“, die sich aus der Vorstellung des Verbrechens als Skandalon herleitet, führt direkt zu Giorgio Agambens Analyse eines wichtigen Instruments totalitärer Herrschaft, dem „Ausnahmezustand“, der Recht und Legalität aussetzen kann. Das korrespondiert aufs Prächtigste mit Wolfgang Sofskys lapidarer Feststellung, dass die Stabilisierung von Ordnung stets gewalt- und damit machtbasiert ist. Und damit sind wir flugs bei den Überlegungen des jüngst verstorbenen Arno Gruen (dessen Gesamtwerk ein close reading in Bezug zur Kriminalliteratur essentiell fordert) zum Thema „Der Wahnsinn der Normalität“.  Denn macht- und gewaltbasiertes Handeln rückt selbst in gefährliche Nähe zum Verbrechen,  wird zur „verdeckten Kriminalität“, wie Gruen das nennt – eine Erkenntnis, die gerade die Nicht-Ermittlerkrimis (oder die deformierten Ermittlerkrimis à la Derek Raymond) seit Hammett bis zum Néo-Polar von Jean-Patrick Manchette und bis zu Jerome Charyns Isaac-Sidel-Zyklus immer wieder zum Thema haben.

„Kriminelles Handeln, das sich im Mantel einer offiziellen Identität verbirgt, braucht <…> eine autoritäre Ideologie, um die Mordlust vor sich selbst zu verbergen“, schreibt Arno Gruen. Diese Sorte Autorität wiederum stützt sich auf den „Gehorsam“ als grundlegende Disposition. Gehorsam wiederum produziert „standardisierte Personen“, die ihre eigene „Objektivität nicht in Frage stellen“ und dafür gesellschaftlich gratifiziert werden. Und weiter: „Kriminalität und verdeckte Kriminalität haben sich der Macht als der einzig gültigen Realität ergeben.“

Und genau diese prekäre Konstellation reproduziert der „Ermittlerkrimi“ pausenlos. Die Myriaden von braven Polizisten, die Fälle lösen und Ordnung wiederherstellen und damit pausenlos auf einer „einzig gültigen Realität“ mit allen hier aufgezählten suspekten Aspekten insistieren, ist in der Tat ein ganz neuralgischer Punkt dieser Sorte von Kriminalliteratur.  Man muss das alles nicht hysterisieren, aber skeptisches Unbehagen angesichts der breitesten Akzeptanz, ja freudiger Beliebtheit solcher Konstruktionen, kann nicht schaden.

Thomas Wörtche © 12/2015

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