Wirtschaftlich ist das – wie jeder Gang in Buchhandlungen beweist – ganz offenkundig nicht der Fall. Doch auch ästhetisch, inhaltlich scheint der Ermittlerkrimi nicht totzukriegen zu sein. Er lebt, vielleicht sogar besser denn je. In Großbritannien warten die Leser jetzt schon ungeduldig auf „den neuen Rebus“ des schottischen Schriftstellers  Ian Rankin. Auch Rankin wird mit seinem Ermittler Rebus von der Krimikritik gefeiert. Auch er schreibt Krimis, in denen er mit seinem Ermittler, dem knurrigen Einzelgänger John Rebus, eine Figur geschaffen hat, die von einer Krise wenig zu spüren scheint. Allenfalls muss sich Rebus Gedanken darüber machen, dass er das Rentenalter schon überschritten hat und die Nachfolger sich warmlaufen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Der Ermittler hat sich angepasst

Die im vergangenen Jahr gestorbene „Queen of Crime“ Phyllis Dorothy (P.D.) James hat in ihrem Essay „Talking about Detective Fiction“ festgestellt, sie finde es sehr interessant, dass der Detektiv als Held – 1887 geschaffen von Arthur Conan Doyle als Sherlock Holmes – die Geschichte des Kriminalromans nicht nur überlebt hat, sondern immer noch im Herzen nahezu jeder Story steht. Dabei ist der Ermittler, der Protagonist, seit dem goldenen Zeitalter des Krimis in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts immer mal wieder dem Tod nahe gewesen. Verstaubte Rätselkrimis, wie sie Agatha Christie um den kleinen Belgier Hercule Poirot und seine „grauen Zellen“ geschrieben hat, werden zwar noch gelesen, haben ihr Massenpublikum aber verloren. Und die Krimi-Kritik zitiert sie bestenfalls abwertend, wenn sie vom „Häkelkrimi“ à la Miss Marple spricht. Zu schlicht ist es, nur auf Deduktion zu setzen, dem Leser ein – mehr oder minder intelligentes – Rätsel vorzusetzen und den Ermittler als Charakter eher schablonenhaft zu zeichnen.

Doch der Krimi hat sich angepasst an eine Gesellschaft, die sich geändert hat. Das Genre hat sich weiterentwickelt – und mit ihm seine neuen Typen als Ermittler geschaffen. Inspektor Maigret zum Beispiel, die Schöpfung Georges Simenons, wird auch als Mensch erfahrbar. Intuition des Ermittlers spielt plötzlich in den Romanen eine Rolle, Leser erfahren etwas über das Privatleben der Schnüffler. Der Ermittler – Ermittlerinnen kommen auch langsam auf – ist plötzlich ein Mensch aus Fleisch und Blut, kein Übermensch mehr. Rein deduktiv wie einst der große Sherlock Holmes, lässt sich ein Fall in einem anspruchsvollen, modernen Kriminalroman nicht mehr lösen.

Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe oder Dashiell Hammetts privater Ermittler Sam Spade haben den Mord dann in Amerika auf die Straße und – wie Chandler meinte – „zurück zu den Menschen“ gebracht. Der Ermittler agiert  in einer korrupten Umgebung, er hat es nicht nur mit Verbrechern und Mördern, sondern oft auch mit bestechlichen Polizisten, fiesen Wirtschaftsführern und charakterlosen Politikern zu tun. Hammett und Chandler haben in ihren Romanen mit ihren Privatdetektiven Ermittlertypen geschaffen, die bis heute hundertfach kopiert werden. Sie sind die einsamen Wölfe: Einzelgänger, melancholisch, unbestechlich, intelligent, charmant und doch unnahbar, und oft haben sie einen schwarzen Humor, mit dem allein sie die kaputte Welt ertragen können, in der sie leben und unverdrossen weiter für Gerechtigkeit kämpfen müssen.

Auch auf den Feminismus gab es die passende Antwort. Ob Liza Marklunds ehrgeizige Journalistin Annika Bengtzon, ob Patricia Cornwells Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta oder Tess Gerritsens Ermittlerpärchen Jane Rizolli und Mana Isles: Sie sind die Identifikationsfiguren unserer Zeit. Keine Übermenschen, aber trotz aller möglichen persönlichen Probleme starke Frauen. Das Muster des Ermittlerkrimis hat dabei im Kern immer überlebt: Es geschieht etwas, zumeist ein Mord. Der Ermittler beginnt mit der Aufklärung des Verbrechens, er sammelt Indizien. Er beschattet. Er wird bedroht und er bedroht. Er deduziert – wie sein Urahn Sherlock Holmes – er hört aber auch auf seinen Bauch. Er ist hart nach außen. Die Welt hat sich verändert. Statt der Privatdetektive à la Sam Spade oder des unvergesslichen Lew Archer (wird als Neuübersetzung im Diogenes-Verlag gerade zu neuem Leben erweckt) ermitteln im modernen Kriminalroman meistens Polizisten, bisweilen auch Journalisten oder Gerichtsmediziner oder – neuester Trend – Profiler. Stellte im „goldenen Zeitalter“ noch der Amateur oder der private Detektiv die Ordnung wieder her, die durch das Verbrechen bedroht war, ist es heutzutage meist ein Staatsbeamter, ein Polizist. Der handelt konservativ wie die Urahnen des Genres, löst den Fall und stellt ganz konservativ die alte Ordnung wieder her. Oder er scheitert trotz aller Bemühungen an der schlechten Welt und bringt die aus den Fugen geratene Welt nur ein Stückchen zurück ins Lot. Oder er verteidigt politisch korrekt die neuen Werte des deutschen Biedermeier unserer Tage.

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