Auf den Straßen von Queens

Während Ned anfangs mit der Arbeit als verdeckte Ermittlerin liebäugelt, ist Janice Itwaru in Matt Burgess‘ Kriminalroman „Cops“ undercover in Queens, New York, tätig. Sie ist ein „Uncle“ – ein Undercover Narcotics Cop. Als Junkie getarnt geht sie auf die Straße, versucht Drogen zu kaufen und ihre Kollegen verhaften dann die Dealer. Stets agieren sie im Team: Einer kauft, der Zweite beschattet und die Dritten nehmen die Verhaftung vor. Entschieden hat sie sich für diese Tätigkeit aus pragmatischen Gründen: Wenn sie diese Arbeit 18 Monate durchhält, wird sie automatisch zum Detective befördert, kommt zu den Drogenermittlern – und von dort aus stehen ihr alle Türen offen. Außerdem ist sie als Frau und mit guyanischer Abstammung unverdächtiger als viele ihre Kollegen. Zumindest galt dies am Anfang, nun scheint sie zunehmend „verbrannt“ zu sein, so dass ihre Käufe ausgerechnet in dem Moment zu sinken beginnen, in dem ein neues Quotensystem die Erfolge verzeichnen soll.

Obwohl „Cops“ 16 Jahre später als „Die Götter von Bankstown“ spielt, ist Janice weiterhin eine Außenseiterin – in der gesamten New Yorker Polizei aufgrund ihrer Hautfarbe, in ihrer Abteilung aufgrund ihres Geschlechts. Jedoch wird dies nicht exploriert, sondern gehört zu ihrem Alltag wie ihre demente Mutter und ihr alkoholkranker Vater, der die Familie verlassen hat und nun mit einer anderen (weißen) Frau zusammenlebt. Ihre Vergangenheit ist – wie für Ned – in der Gegenwart sehr präsent und bestimmt ihre Handlungen. Zudem spiegelt Janice aber auch die gesellschaftliche Gegenwart in Queens wider, von der „Cops“ vor allem erzählt.

Wenngleich der auf dem Einband getroffene Vergleich mit „The Wire“ zu hoch gegriffen ist, erinnert „Cops“ in der Erzählstruktur stark an eine Fernsehserie: Nachdem Janices Alltag geschildert wurde, beginnt ihr Hadern mit der Quotenregelung sowie der Enttarnung, außerdem scheint die gesamte Abteilung im Visier der Innenrevision zu stehen. Damit gibt es beständig neue Themen, die im Mittelpunkt stehen, vor allem aber wird auch Janice zunehmend zu Kompromissen gezwungen: im Zusammenleben mit ihrer Mutter, in der Auseinandersetzung mit ihrem Vater und möglicherweise „ererbten“ Sünden, bei der Arbeit und vor allem bei wegweisenden Entscheidungen für ihre Karriere. Dabei will Janice nicht um jeden Preis die Wahrheit herausfinden, sondern vor allem überleben – zu ihren Bedingungen.

Am Beispiel seiner guyanisch-amerikanischen Hauptfigur liefert Burgess somit ein Bild von Queens ab wie sich Newton durch Ned Kelly mit der australischen Vergangenheit auseinandersetzt. Als Frauen und Angehörige einer ethnischen Minderheit sind sie doppelte Außenseiter in der Welt der Polizei – so dass sie bei verdeckten Ermittlungen einen Vorteil haben können, aber auch niemals dazugehören werden. Durch ihr Außenseitertum haben sie eine andere Perspektive auf die alltägliche Arbeit, die sich nicht auf wiederkehrende Vorurteile und Beleidigungen begrenzt. Vielmehr versuchen sie – Janice noch mehr als Ned – Vorteile aus dieser Position zu ziehen. Dabei gilt insbesondere für Janice, dass sie ihre Vergangenheit nicht über sich siegen lassen will.

Sicherlich sind Ned und Janice keine revolutionär neuen Ermittlerfiguren, aber sie versprechen neue Töne in dem Ermittlerkrimi – und zeigen, dass es gerade bei den weiblichen Figuren noch sehr viel Potential gibt. Denn nicht nur diejenigen, die sexuelle Gewalt erfahren haben und nun selbst ausüben, sind „starke Frauenfiguren“, sondern auch diejenigen, die einfach ihre Arbeit erledigen. Und noch etwas verbindet die Bücher von Newton und Burgess: Die Welt ist am Ende nicht wieder in Ordnung gekommen. Sie war es schon vorher nicht – und wird es daher auch nie wieder sein.

Sonja Hartl © 12/2015

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