Ja, Karin, du hast mein Leben, du hast mich verändert. Hast mich in akribischer Feinarbeit zu einem wandelnden schlechten Gewissen werden lassen.
Dann, es ist erst ein paar Jahre her, hast du dich irgendwann dazu entschlossen, die Dosis zu erhöhen. Das Gift, das du mir täglich mit deinen Augen und deinem Seufzen verabreicht hast, genügte dir nicht mehr. Du brauchtest einen zusätzlichen Katalysator.
Welch treffender Vergleich. Ein Stoff, der chemische Reaktionen ermöglicht oder ihre Geschwindigkeit beeinflusst. Ja, diese nach dem Seufzen hingeworfenen Worte oder auch nur Laute haben bei mir tatsächlich eine chemische Reaktion beschleunigt.
„Ach ja“ war so ein Katalysator. „Wie soll es mir schon gehen“ ein anderer.
Ich habe die chemischen Reaktionen in meinem Körper förmlich gespürt, Karin. Was mich vorher zur Verzweiflung gebracht hat, fing an, mich wütend zu machen. Ich begann, dich anzuschreien nach deinem Seufzen und deinem „Ach ja.“
Dann hast du mich nur stumm angesehen und noch mehr Schiffe auffahren lassen, die aufbrachen und ihre ganze Ladung Leid in deine Augen ergossen.
Ich hatte mich isoliert von allem, was vielleicht der Auslöser für dein Leid hätte sein können. Ich bin nicht mehr zu meinem Schachabend gegangen. Das Singen im Kirchenchor, mein liebstes Hobby, hatte ich schon viel früher an den Nagel gehängt. Ich war nur noch zu Hause bei dir.
Und du? Du gabst mir immer mehr davon.
Heute Morgen habe ich wieder einmal versucht, mit dir zu reden. Habe dich angefleht, endlich dein großes Geheimnis zu lüften. Du hast nur da gestanden und … geseufzt. Und dann hast du gesagt: “Ich ertrage mein Schicksal, ohne mich zu beklagen.“
Du hast dich umgedreht und wolltest gehen. Da habe ich dich angeschrien. Ich habe gebrüllt, dass ich merke, wie ich verrückt werde. Dass du mein Leben ruiniert hast mit deinem verdammten Schicksal.
Du hast mich angesehen und gesagt: „Ach ja, vielleicht wäre es für alle besser, ich wäre tot.“
Da habe ich es einfach getan.

Arno Strobel © 11/2015

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