Smyth ist – mehr als mancher der bekannten irischen Autoren – ein Symbol für die Geburt des Noir in Irland aus der Krise der irischen Gesellschaft. „Quinn“, Smyths 2000 erschienenes Krimidebüt, wurde vom erfolgreichen Kollegen Ken Bruen sogar auf eine Stufe gestellt mit George V. Higgins‘ „Die Freunde von Eddie Coyle“. Traumhafte Schreibe, düster, originell, irisch sei dieser Krimi um den Antihelden und Ganoven Quinn. In Japan nahm sich der renommierte Verlag Hayakawa des Autoren an. "Quinn" erschien dort schon im August 2000 in japanischer Übersetzung. Es folgte der zweite Noir "My name is Red" im Februar 2002, der unter dem Titel „Spielarten der Rache“ jetzt auf Deutsch erschienen ist. Alle drei Romane, die Smyth bislang geschrieben hat, liegen mittlerweile in japanischen Übersetzungen vor.  Selbst für einen Krimipreis wurde Smyth im fernen Ostasien nominiert. Auch in Frankreich wird er wahrgenommen. In Irland und Großbritannien aber schlägt Smyth nach seinem Erstlingserfolg nur Nicht-Beachtung entgegen. Sind seine Bücher zu "noir" für die englischsprachige Welt? Warum schafft es Smyth nicht, mit seinen Manuskripten in der Heimat zu landen? Möglicherweise ist er zu politisch. In "Spielarten der Rache" geht es um den brutalen Rachefeldzug eines Mannes, der zu den Tausenden Menschen gehört, die auf der grünen Insel in katholischen Kinderheimen und Schulen systematisch misshandelt und gedemütigt wurden. Ken Bruen habe ihn gewarnt, dass das Krimischreiben kein Zuckerschlecken sei, hat Smyth einmal gesagt. Als irischer Autor mit heiklen Themen und der Bereitschaft, wohlgehütete Tabus zu brechen – also ohne die notwendige Aufmerksamkeitsökonomie des Massenmarktes mit ihren geölten PR-Maschinen –, könne man sich eigentlich gleich erschießen.

Immerhin: In Japan hat Smyth seine kleine, aber treue Fangemeinde. Und jetzt, dank Frank Nowatzki, kommt Deutschland in den Genuss eines seiner Krimis. „Ob Seamus Smyth sich endgültig vom Krimigeschäft verabschiedet hat und weiter den täglichen Schreibdrang bekämpft, weil es ohnehin sinnlos ist, wird sich noch herausstellen“, schreibt Nowatzki am Ende seines Vorworts. Schade wäre es, denn Smyth ist einer der besten – auch sprachlich (sofern man das aufgrund der Übersetzung eines im Englischen nie veröffentlichten Buchs sagen kann), von den Charakteren und vom Plot her. Und düster-irisch ist dieser Krimi allemal: So brutal wie Smyth hat sich kein anderer irischer Autor mit den Missbrauchsskandalen der katholischen Kirche und der schützenden Hand des Staates über die Täter beschäftigt. Vielleicht ist es irischen Verlagen bis heute zu heiß, eine so brutale Anklage gegen diese Missstände zu drucken, wie es "Spielarten der Rache" ist.

Der Skandal über die Hunderte, möglicherweise Tausende Missbrauchs- und Misshandlungsfälle von Mädchen und Jungen in den von der katholischen Kirche betriebenen Heimen hat die irische Gesellschaft in den 90er-Jahren bis ins Mark erschüttert. 1994 trat der irische Ministerpräsident Albert Reynolds zurück; er hatte einen Generalstaatsanwalt protegiert, der das Recht gebeugt und einen des Kindesmissbrauchs verdächtigten katholischen Priester vor der Strafverfolgung geschützt hatte. In der Folge wurde bekannt, dass in kirchlichen Einrichtungen Minderjährige systematisch misshandelt wurden. Im Mai 1999 entschuldigte sich der damalige irische Regierungschef Bertie Ahern bei den Opfern dafür, dass der Staat die Vergehen der Täter deckte, weil er den Konflikt mit der scheinbar allmächtigen katholischen Kirche scheute. Wider besseres Wissen sahen Polizei und Staatsanwaltschaft weg.  Im November 2009 stellte der Bericht einer Untersuchungskommission sozusagen fest, dass in katholischen Schulen und Heimen in den letzten Jahrzehnten Hunderte, sogar Tausende Jugendliche und Kinder missbraucht wurden, und dass alle Fälle systematisch vertuscht wurden.

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