Spätestens seit 1916 („Osteraufstand“), allerspätestens seit dem Bürgerkrieg 1922/1923 und Sinn Feín ist die irische Thematik nicht mehr wegzudenken. Sie spielt bis in die heutige Zeit als historisches Thema eine Rolle bei Groß-Epen wie "Boardwalk Empire“ und „Peaky Blinders“.

Natürlich sind die nordirischen Konflikte thematisch vermutlich das deutlichste Element „irischer“ Kriminalliteratur, gerade auch, weil es nicht nur lokal zu betrachten, sondern auch in internationalen Verflechtungen zu denken ist. Deswegen sind sie nicht nur Thema irischer Autoren wie etwa Eoin McNamee, auch ein Engländer wie Gerald Seymour hat zu diesem Stoff Substantielles zu sagen. Es wäre allerdings nicht gerecht, die irische Kriminalliteratur auf das IRA-Motiv festzulegen, dazu ist sie dann doch zu differenziert. Oder anders gesagt: Es gibt Polizeiromane, Gangsterromane, Psychothriller und alle anderen Subgenres auch, die eben in Irland spielen und manchmal irische Themen haben, was über ihre literarische Organisation gar nichts aussagt – Gerald O´Donovan, Brian McGilloway, Rory McCormac, Gene Kerrigan und … und … und, wir wollten ja keine allzu extensive Aufzählung machen. Das hat schon Cormac Millar mit seiner Liste „Irish Crime Writers“ erledigt, bei der lediglich auffällt, dass einer der interessanten, aber auch leisesten irischen Autoren, Anthony Quinn, darauf fehlt. Selbstverständlich hat auch die Post-Moderne mit ihren Spielmatzigkeiten und ihrem Meta-Geklingele in die irische Kriminalliteratur Einzug gehalten, wenn wir an Declan Burkes putzige Italo-Calvino-Zitation denken. Business as usual, eben, mit lokalen Themen. Aber richtig verstandene Regionalität ist eben ein Konstituens jeder seriösen Kriminalliteratur.

In Ken Bruen, der gerne als „Godfather der irischen Kriminalliteratur“ bezeichnet wird (naja, gegen solche Albernheiten kann er vermutlich nichts tun), fokussiert sich vielleicht am ehesten, was eine Irishness ausmachen könnte. Er hat auf den unterschiedlichsten Kontinenten gelebt und gearbeitet, seine Jack-Taylor-Romane spielen in Galway, andere in London, und in den USA unterhält er eine fruchtbare Kooperation mit Jason Starr. Eine Migrationsgeschichte, so wie die irischen Partikel andauernd unterwegs sind. Keine National-, sondern eine Migrationsliteratur.

Und wenn ich ein Spaßverderber wäre, würde ich Flann O´Briens Bericht aus der Hölle, also seinen surreal-komischen Roman „Der Dritte Polizist“, als den ultimativen irischen Kriminalroman bezeichnen. Aber der ist schon von 1939/40 und im Grunde kein Kriminalroman.

Thomas Wörtche © 11/2015

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