Diese Noir-Romane stehen in der Tradition der hardboiled-Literatur, sie verbinden Erzählmuster, eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Machtinhabern und eine pessimistische Weltsicht. Blickt man nun auf die irischen Schriftstellerinnen, finden sich viele Richtungen der Kriminalliteratur: Cora Harrison schreibt historische Kriminalromane, die im irischen Mittelalter angesiedelt sind, Liz Allens Kriminalromane erinnern an Minette Walters, Julie Parsons und Gemma O’Connor setzen auf psychologische Spannungsromane, die oft mit familiären Tragödien zusammenhängen, Alex Barclay schreibt Psychothriller, die in den USA spielen, und Claire McGowans Hauptfigur ist eine forensische Psychologin. Sie schreiben aber alle kein Noir. Sicher gibt es Bücher von Autorinnen, in denen 'noirige' Elemente stecken. Beispielsweise erinnert Arlene Hunts mit dem Detektivduo Sarah Kenny und John Quigley an Dennis Lehanes Gennaro und Kenzie und die Romane von Vincent Banville. Auch greift Tana French – die erfolgreichste irische Kriminalautorin – in „Schattenstill“ („Broken Harbour“) mit den leeren Bauruinen im Norden von Dublin eine der sichtbarsten Folgen des Celtic Tiger und des Zusammenbruchs der irischen Wirtschaft auf und macht eines dieser Häuser zum Fundort der Leichen einer jungen Familie. Aber sie sind keine Noir-Autorinnen.

Vielmehr verweisen die Bücher dieser Autorinnen auf die häufig vertretene Einschätzung, dass Frauen weniger Noir-Romane schrieben, weil sie sich stärker für Familiendramen und psychologische Spannung als gossenhafte Gewalt und Gesellschaftskritik interessieren. Diese aus dem Geschlecht abgeleiteten Schreib- und allzu häufig auch Lesepräferenzen gründen sich auf Vorurteile und Marktbeobachtungen – ohne zu hinterfragen, ob es nicht auch systemische Gründe dafür geben könnte. Es gibt immer wieder Berichte, dass dasselbe Manuskript anders beurteilt wird, je nachdem ob es von einer Frau oder einem Mann geschrieben ist (unbewusste Vorannahme), auch wird Kriminalschriftstellerinnen wie bspw. Zoë Beck vorgeworfen, sie schreibe zu ‚männlich‘. Zumindest in der Wahrnehmung gibt es also männliche und weibliche Schreibstile sowie Genres.

Darüber hinaus kommt in Irland – und vielen anderen Ländern – hinzu, dass die Wahrnehmung der Literatur allgemein von Männern bestimmt ist. Fragte ich nach drei Namen irischer AutorInnen, würde den meisten wohl eher Joyce, Wilde und Beckett oder Doyle, Tóibín und McCann einfallen als Enright, Bowen und Murdoch. Diese Tendenz setzt sich in der Kriminalliteratur fort, mit Ausnahme von Tana French werden Autorinnen weniger wahrgenommen als ihre männlichen Kollegen. Das bedeutet nicht, dass sie schlechter oder besser sind, auch sind diese Wahrnehmungsmuster alleine keine Erklärung oder gar unumstößliche Gründe für das Fehlen der Frauen im Irish Noir. Aber sich darüber Gedanken zu machen, ist wichtig – und ein Anfang zur Veränderung.

Sonja Hartl©11/2015

zurück