Vielleicht ist U dann gar nicht mehr die treffende Kategorie, man sollte vielleicht P wie Propaganda einführen oder K wie Kommerz. Oder T wie Tourismus. Aber hätten wir dann eine K/U Schere oder eine P/E Schere?

Es war ja so: in den1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren hat sich „Kriminalliteratur“ einen durchaus reputierlichen Platz auf allen möglichen Ebenen der Wahrnehmung geschaffen. Das hatte auch damit zu tun, dass die Autoren dieser Epoche mit so ziemlich allen Verfahren der Moderne und Postmoderne arbeiteten, aber trotzdem dem sujet-basierten Erzählen verhaftet blieben. Jerome Charyn, Derek Raymond, Paco Ignacio Taibo & Co. Deutschsprachige Autoren kamen allmählich dazu: Friedrich Ani, Heinrich Steinfest, Wolf Haas & Co. Durchaus auch mit schönen Verkaufszahlen. Diese Sorte von Kriminalliteratur begann, die „seriöse“ Literatur herauszufordern. Sie war dabei durchaus unterhaltend, aber ihre Haltung war dabei durchweg subversiv. Statt Ordnung predigten sie Chaos und Komik, verweigerten „Sinnstiftung“ und reagierten somit kreativ auf eine immer unübersichtlicher werdende Welt. Verbrechen war nicht mehr „Fall“ und „Aufklärung“, sondern ein Kontinuum ohne archimedischen Punkt zu dessen „Bekämpfung“. Störenfriede nicht nur im Reich der Ästhetik, sondern eben mit unbehaglichen Verlängerungen in die verschiedenen Realitäten dieser Welt. Mit „Kriminalliteratur“ konnte man, das war nicht zu übersehen, etwas anfangen. Und dann kam Donna Leon. Mit einem braven Commissario, viel Tourismus und dem guten alten „Fall und Aufklärung“-Schema, literarisch ohne jede Barriere. Damit konnte man noch mehr Umsatz machen. Kriminalliteratur light, sozusagen. Das Schönste daran: Diese Art Krimi war keine Konkurrenz für irgendwen mehr (nur für die Konzepte der oben genannten „New Wave“), Krimi war wieder wie alters her, halt Krimi. Nur die Reputation des Genres, die wollte man gerne übernehmen. Die Leute konnten jetzt frohen Herzens Krimis lesen, weil man ja Krimis lesen durfte, und dennoch ihr Bedürfnis nach Recht und Ordnung, Sinn und fluschigem Lesegenuss austoben. Und so nahm das Unheil seinen Lauf: Wenn Venedig gut „geht“, warum dann nicht sämtliche deutsche Provinzen und destinations, auch noch homemade und damit erheblich billiger herzustellen? Garantiert unverstörend und heimelig. Die Regio-Welle baute sich auf. Gestützt auf die feste Gewissheit, was und wie ein „Krimi“ zu sein habe. Unterhaltung pur, weil auch jeder sprachliche Widerstand wegfiel. Donna Leon plauderte im selben Tonfall über Essen, Snuffpornos und Mafia-Bosse. So wie heute herzensgute Schullehrer, Hausfrauen und Schnäppchenmacher gruslig-blutige Serialkiller, Ermittler-Duos und mörderische Mandelhörnchen ihr Wesen treiben lassen, nur um zu unterhalten. „Unterhaltung“ scheint  vielleicht doch nicht sooo vom Sujet unabhängig zu sein, von dem man sich gerne unterhalten lässt. Deswegen sind vermutlich auch Mörderspiele und Krimi-Dinners so beliebt. Und „Krimi“-Events mit Humptada und Ringelpiez auch. Ist natürlich für sich betrachtet völlig harmlos wie Bierfilz-Sammeln. Mord & Totschlag sind halt der Deutschen liebster Unterhaltungsstoff.

Aber lieber keine Ausflüge ins Ethnographische.

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