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An diesen Zufall, der vielleicht aus fernen, unbegreiflichen Gründen keiner war, musste der Kommissar aus der Mordkommission später noch viele Jahre lang denken. Nachdem er das Mädchen ins Krankenhaus gebracht hatte, schaffte er es nicht, nach Hause zu fahren, obwohl er seiner siebenjährigen Tochter versprochen hatte, nicht zu spät zu kommen. Eine Nachbarin passte auf Isabel auf, sie las ihr im Bett vor und blieb so lange, bis Ohnmus zurückkehrte. Isabels Mutter war von einem Bankräuber erschossen worden, der Kommissar und seine Kollegen, die vor Ort waren, hatten die Tat nicht verhindern können. Manchmal weinte Ohnmus nachts ohne Unterlass, manchmal trank er, manchmal verfluchte er Gott. Der Arzt, der im Krankenhaus Nachtdienst hatte, sagte, das Mädchen sei stark unterernährt, er habe in ihrem Mund verschiedene Fasern gefunden, was darauf schließen ließ, dass sie in ihrer Not Teppichfusseln und Haare gegessen habe. Ihr Körper weise eine Unmenge von Hämatomen auf, das Kind sei verprügelt und schändlich behandelt worden. „Schändlich“, sagte der Arzt. Dieses Wort ging dem Kommissar nicht mehr aus dem Kopf. Zu diesem Zeitpunkt war das Mädchen noch nicht als vermisst gemeldet worden. Auch in den folgenden Tagen meldete sich niemand.

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Als Georg Ohnmus die Sozialarbeiterin Silke Kargus fragte, wie es möglich sei, dass allein in dieser Stadt jedes Jahr unzählige Kinder von Angehörigen getötet oder derart vernachlässigt würden, dass sie an Auszehrung starben, erwiderte sie: „Was wollen Sie von mir? Jeder von uns muss sich um ungefähr vierzig Problemfamilien kümmern, jetzt verraten Sie mir mal, wie wir das schaffen sollen?“ Ohnmus sagte: „Indem Sie mehr arbeiten.“ Das Gespräch endete mit einer zugeschlagenen Tür. „Sie haben keine Ahnung“, sagte Silke Kargus noch, „bis der Verdacht einer Misshandlung oder einer Vernachlässigung zu uns durchgedrungen ist, sind die meisten Opfer schon schwer traumatisiert.“ Auf der Straße fiel Schnee. Ohnmus öffnete weit den Mund und spürte die Flocken im Gaumen. Er schaute sich um. Eine Million Kinder lebten in diesem Land von der Sozialhilfe. Sie waren nirgendwo zu sehen. Der Kommissar lief durch die winterliche Stadt, die Weihnachtstage waren vorüber, und er bildete sich ein, die Menschen würden wieder langsamer gehen und geduldiger dreinschauen. An einem Imbissstand kaufte er sich eine Bratwurst im Brötchen. Dann hatte er keinen Hunger mehr. Aber wegwerfen wollte er das Brötchen nicht, also aß er es auf. Im Krankenhaus erklärte ihm der Arzt, dass es oft das jüngste Kind sei, das seelisch und körperlich gedemütigt werde. Die Eltern behaupteten, es habe an „Ernährungsstörungen“ gelitten. Eltern, dachte Ohnmus, deren Wortschatz ansonsten armselig war, sprachen von Ernährungsstörungen. „Ein Baby“, sagte der Arzt, „kann fünf Tage ohne Nahrung und Flüssigkeit überleben. Die Eltern lassen es ab und zu etwas essen und trinken, so dass es schließlich an Infektionen stirbt, gegen die sich der geschwächte Körper nicht mehr wehren kann. Die Psychologen nennen dies Aschenputtelsyndrom.“ In den Zeitungen erschien ein Foto des Mädchens, das immer noch nicht ansprechbar war. Jemand meldete sich bei Georg Ohnmus und meinte, er kenne das Mädchen vielleicht.

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