Krimi-Männer

Pekka Hiltunens Thriller sind klar in der Gegenwart verankert, alle Figuren sind kosmopolitische, moderne Menschen, die in verschiedenen Ländern gearbeitet und gelebt haben und sich selbstverständlich mit neuen Technologien auskennen. Ganz andere, aber gleichermaßen starke Figuren sind bei Fred Vargas zu finden. Auch sie hat mit Camille eine hinreißende Frauenfigur geschaffen, die aber nur in „Bei Einbruch der Nacht“ eine eigenständige Rolle hat. Danach wird sie zusehends auf ihre Bedeutung mal als Freundin, mal als unerreichte Geliebte von Kommissar Adamsberg reduziert. Schon im ersten Buch („Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“) der Hauptermittler, folgten Romane mit anderen Hauptfiguren, darunter die drei Evangelisten Marc, Lucien und Matthias und der wunderbare, leider kaum mehr erscheinende Louis Kehlweiler, der immer von seiner Kröte Buffo begleitet wird. In „Fliehe weit und schnell“ arbeiten alle zusammen, danach wird Adamsberg zur zentralen Figur.

Im Kriminalroman ist er als Ermittler unvergleichlich: Stets folgt er seiner Intuition und ist gedankenverloren, deshalb spaziert er viel umher, um das Gewirr seiner Gedanken zu ordnen, und wirkt immer leicht entrückt. Er ist ein „Wolkenschaufler“, ein Träumer, der noch nicht einmal die Namen seiner Mitarbeiter behalten kann, und keine Angst kennt. Ohne sein analytisches Pendant Adrien Danglard ist er kaum vorzustellen. Danglard liebt Weißwein, ist alleinerziehender Vater von fünf Kindern, führt mit Adamsberg die notwendigen philosophischen Gespräche und verfügt über das umfassende Wissen, das für das Lösen der Fälle oftmals entscheidend ist. Er organisiert die Ermittlungsarbeit in Fällen, in denen sich diese Gegenpole widerspiegeln: Oftmals erscheinen die Fälle märchenhaft, allein in „Die dritte Jungfrau“ geht es um vermeintliche Gespenster in Adamsbergs neuem Haus, ermordete Jungfrauen und Hirsche, deren Herzen herausgerissen wurden, in „Der verbotene Ort“ ist Handlungsauslöser der Fund von 17 Schuhen mit abgetrennten Füßen. Jedoch erfahren diese Fälle immer eine realistische Aufklärung, die die märchenhaften Motive auf sehr reale Urängste zurückführt. Außerdem verklärt Vargas ihre Charaktere nicht, vielmehr erscheint Adamsberg zwar oft als genial, aber auch selbstherrlich und eigenmächtig, bei Danglard scheint der Alkoholkonsum gelegentlich außer Kontrolle zu geraten. Dadurch verlieren sich Adamsberg und Danglard im Gegensatz zu vielen Reihen über Ermittler nicht in stereotypen Eigenschaften, sondern bleiben Charaktere mit Eigenheiten.

Ob die Welt real oder märchenhaft ist, die Thriller brutal oder die Kriminalromane entrückt, die Schöpfer männlich oder weiblich, spielt daher für Figuren keine Rolle, solange sie in die Welt passen, die in den Romanen entwickelt wird. Darüber hinaus sind Mari und Lia sowie Adamsberg und Danglard lebendige Charaktere, weil Hiltunen und Vargas ihnen Widersprüche zugestehen und vor allem Weiterentwicklungen erlauben. Und das macht Figuren aus.

Sonja Hartl @ 09/2015

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