Der Jägermeister spielt immer wieder eine Rolle. Immer wieder erfahren die Leser von der Trunksucht, vom Alkoholismus der Kommissarin. Doch bei den Ermittlungen funktioniert sie. Selbst wenn ihr Chef und Rivale sie rügt und ihr Fehlverhalten wegen des Alkohols vorwirft, zeigt sich am Ende meistens, dass Louise eben doch recht gehabt hat. Sie ist Einzelgängerin, wie so viele ihrer männlichen Kollegen im Kriminalroman. Der Alkohol wird oft zur reinen Folklore, zum Klischee. Ein Mensch, zumal eine Frau, dem Alkohol verfallen, in einer paternalistischen Umwelt reagiert anders. Da bleibt die Kommissarin immer wieder eine erstaunlich effiziente Ermittlerin.

Dabei kann Bottini – bei aller Kritik –  einen weiblichen Blick durchaus einfangen. Wenn sich ein Zen-Kloster als Umschlagplatz für asiatische Kinder erweist, die an Päderasten „geliefert“ werden, zum Beispiel. Wenn er schildert, wie Boni darauf reagiert; anders als männliche Kollegen. Vielleicht hat Bottini – im Wettbewerb mit den dunklen Männern in anderen Krimis – seiner Heldin einfach ein bisschen zuviel aufgeladen. Immer mal wieder erstarrt das bei „Mord im Zeichen des Zen“ – wie mit den vielen Jägermeister-Szenen – zum Klischee à la Skandinavien-Krimi. Und wer einmal mit einem Alkoholiker in einem Team gearbeitet hat, der ahnt, dass gerade in schwierigen Situationen der Teufel Alkohol bremst und es ohne Hilfe anderer nicht geht. Trinkende Einzelkämpfer haben in der Wirklichkeit am Ende selten recht.

Dabei hat Bottinis Heldin ein beachtliches Potential. Sie ist in ihrer Zerrissenheit eine spannende Figur. Nur ist die Last eben ein bisschen zu groß, die der Autor auf ihren Schultern abgeladen hat. Zu skandinavisch für eine Frau mit französischen Wurzeln. Louise Boni zeigt so aber auch, wie schwer es ist, als Mann im Kriminalroman eine Frau zur Heldin zu machen. Wenn selbst ein Meister wie Bottini – und schreiben und plotten kann der Autor wirklich – nicht umhin kommt, immer mal wieder in die Klischeekiste zu greifen, dann zeigt das die Größe der Aufgabe für männliche Krimiautoren. Aber umgekehrt ist es ja auch nicht anders. Die männlichen, skandinavischen Helden finden ihren durchschlagenden Erfolg auf dem deutschen Krimimarkt schließlich auch, weil sie dem einen oder anderen Klischee so schön entsprechen.

Carsten Germis @ 09/2015

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