Versuchen wir´s mal umgekehrt. Peter O´Donnell hat mit Modesty Blaise, Stieg Larsson mit Lisbeth Salander „starke“ wirkmächtige Frauenfiguren erfunden. P.D. James hat Adam Dagliesh, Ruth Rendell DI Wexford zum Weltruhm gebracht. Sind Modesty Blaise und Lisbeth Salander Männerfantasien? Dagliesh und Wexford entsprechend Frauenfantasien? Die einen „unrealistisch“, die anderen „wirklichkeitsgetreu“? Oder alles eben Kunstfiguren, in denen das jeweilige Bild von gender, das die Autor_innen lebensweltlich haben, aufscheint, respektive in Literatur umgesetzt wird? Nur wenn diese Unterstellung triftig wäre, würde eine kritische Diskussion über Standorte, politische Positionen und Geschlechterverständnisse sinnvoll sein können. Um´s kultursemiotisch zu wenden: Was lässt sich aus spezifisch kriminalliterarischen Texten über die jeweiligen Rollenverteilungen und -verständnisse im Wandel der Zeiten herausfinden? Ein bestimmtes Textkorpus wird zum statistischen Material für Aussagen über gesellschaftliche Positionen und Verhältnisse. Die Einschätzung und Bewertung von so gewonnenen Erkenntnissen wiederum hat mit der literarischen Qualität von Texten eher wenig zu tun.

Bleiben die üblichen Parameter: Frauen schreiben einfühlsamer, psychologisch tiefer, sensibler, verständnisvoller; Männer kälter, oberflächlicher, mehr action-driven, mehr aus dem Kopf als aus dem Bauch. Das aber sind im Grunde nur gefühlige Konstrukte, die meistens im Zusammenhang identifikatorischer Lektüren auftauchen. Und zudem nicht an den Objekten des Schreibens festgemacht werden können. Walter Satterthwait schreibt „einfühlsam“ über die Axtmörderin Lizzie Borden, Patricia Highsmith „sensibel“ über den Mörder Tom Ripley. Beides sind großartige Autoren, beides geht. Beide Wertungen sagen, dass beide plausible Figuren „schreiben“ können, was nun einmal ihr Beruf ist. Beide können auch suspense, timing und andere Disziplinen, die im Gesamt die Qualität von Romanen ausmachen. Die Kontrastierung Mann-schreibt-über-mörderische-Frau, Frau-schreibt-über-mörderischen-Mann bringt wenig. Zumal die Einschätzung des Blickes eines Mannes auf eine Frau und des Blickes einer Frau auf einen Mann als „sensibel“ oder „einfühlsam“ vermutlich mit jeweiligen Sympathie von (identifikatorischen) Leser_innen für die geschilderten Figuren zusammenhängt. Macho-Autoren neigen dazu, ihre Frauengestalten negativ zu gestalten, ultraradikalfeministische Autorinnen pejorisieren ihre Männergestalten. Auch da stehen dann eher die Dispositionen der Textproduzenten zur Debatte.

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