Warum dann kein Sachbuch? Reality Check. Sachverhalte sind unklar, politisch verdunkelt oder von den Ereignissen überrollt. Wäre „Der Verräter von Bethlehem“ ein Werk der Fachliteratur, es wäre hoffnungslos veraltet. Rees schildert das Westjordanland am Vorabend der Besetzung der Geburtskirche. Seitdem sind ganze Theoriengebäude über den Frieden im Nahen Osten aufgebaut worden und wieder in sich zusammengefallen. Einseitiger Rückzug der Israelis aus Gaza, das Ende der Ära Arafat, der Aufbau eines palästinensischen Staates durch Premier Fayyad, Kläranlagen und Abwasserleitungen in Gaza, Nablus und Tulkarem. Heute kommen selbst die Ticker der Agenturen mit ihren Meldungen zu vereinbarten und wieder gebrochenen Waffenruhen nicht mehr hinterher. Wo ist dann der Mehrwert der ganzen Übung?

Und so steht die Fiktion plötzlich überraschend gut dar. Sie arbeitet sich an zeitlosen Konflikten ab. Es sind schließlich Menschen, die kämpfen, leiden und sterben. Menschen, die von Wünschen, Dämonen und Vorstellungen angetrieben sind, die sich nicht wesentlich verändern. Immer wieder geht es um Machthunger, Einfluss und um geistige und körperliche Gewalt über ihre Mitmenschen. Bei Rees geschieht dies am Beispiel der Märtyrer-Brigaden, die Jahre vor der palästinensischen Spaltung den Machtkampf zwischen Hamas und Fatah vorwegzunehmen scheinen und deren Protagonisten (in ihrer ganzen Klischeehaftigkeit samt schwarzem Bart, einem dicken Nacken und schwerem MG an der Hüfte) erschreckende Assoziationen an den Islamischen Staat wecken.

Wenn Literatur hier Charakterzüge und Motive beschreibt, wenn sie menschliche Sorgen, Ängste und Nöte nachzeichnet, die zwar aus einem politischen Kontext stammen, aber auch eine private Seite haben, dann leistet sie mehr, als nur zu unterhalten. Kein Mensch – die These würde ich wagen – begeht einen Akt der Gewalt allein aus extrinsischen Motiven. Irgendetwas wird selbst in den Tätern vorgehen, die sich in eine schwarze Flagge voller arabischer Schriftzeichen wickeln und „Sturmattacken wie aus dem siebten Jahrhundert“ gegen den Westen reiten.

Bleibt die „Orientalismus-Falle“. Geht das überhaupt, sich so sehr in den Kopf, die Seele und die Eingeweide einer fremden Kultur einzuarbeiten, dass das Ergebnis mehr ist als nur ein Abbild der eigenen Vorurteile? Wird das Ganze nicht zu einer belehrenden Litanei? Mühsam getarnt als „innerer Monolog“ des Helden, der zwischen zwei Suspense-Szenen eine Pause braucht und die Gelegenheit nutzt, um ein paar grundsätzliche Gedanken zum Nahen Osten aufzusagen?

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