Ganz frei vom Verdacht des Epigonentums sind die Paradigmenwechsler (der Ausdruck lehnt sich an die Wissenschaftstheorie von Thomas S. Kuhn an). Sie bringen bis dato für unmöglich gehaltene Sprünge in das Genre ein, ohne das jeweilige Genre zu verlassen. Aber sie verändern es, notfalls radikal. Dashiell Hammetts „Red Harvest“ und viele Romane von Patricia Highsmith suspendieren konventionalisierte Korsette von Kriminalliteratur und schreiben dennoch lupenreine Kriminalromane. Chester Himes bricht mit linearem Erzählen. Von Paco Ignacio Taibo bis Wu Ming ist Polyphonität plötzlich ein „normales“ literarisches Verfahren, das „früher“ in der Kriminalliteratur nichts zu suchen hatte. Ist, wer solchen Paradigmenwechslern folgt und in deren Innovation kreatives Potential sieht, das noch lange nicht ausgeschöpft ist, deswegen epigonal zu nennen?

Aber wir haben bis jetzt nur über die ästhetischen Verhältnisse zwischen Autoritäten und Nachfolgern gesprochen. Hier und heute ist ein ganz anderes Denkmodell vielleicht hilfreich, das sowieso alle Bereiche des menschlichen Miteinanders im „Westen“ dominiert und somit auch Kunst und Literatur: das betriebswirtschaftliche Paradigma.

Sehr viele Texte werden heute industriell hergestellt. Formatiert. Ihre Kriterien sind nicht mehr ihre literarischen oder intellektuellen Qualitäten und Positionen, sondern ihre Verkäuflichkeit. Die Klonierung von funktionierenden (heißt: maximal absetzbaren) Erfolgsmustern lässt sich mit Epigonalität gar nicht mehr beschreiben. Zwar gab und gibt es unverblümte Nachahmungen von Dan-Brown-Romanen oder Knödel-Krimi-Nachbauten, aber inzwischen werden nicht mehr nur einzelne Erfolgstitel geklont, sondern auch einzelne, als „erfolgsträchtig“ erkannte oder zumindest vermutete Elemente neu auf eine noch genauer zu definierende Zielgruppe kombiniert: Regio plus viel Blut, lustige Tierdetektive und so weiter.

Die jeweils ästhetischen, epistemologischen, politischen oder sonstigen Aufladungen spielen keine Rolle mehr, wenn sich jeder Maulwurfskrimi auf Orwells „Animal Farm“ beruft. So gesehen würde der Vorwurf der Epigonalität heute zum Kompliment für besonders erfolgreiches Plündern literarischer Ressourcen. Mit dem Unterschied zu einer pastpostmodernen Zitatkultur, dass eben der Grund und die Basis dieser Fertigungstechnik nicht mehr im Ziel, eigenständige oder wenigstens ironische Kunstwerke zu schaffen besteht. Heute geht es darum, das Immergleiche als „Produkt“ zum bequemen, anscheinend reflexionslosen Konsum mit Wohlfühl- und Wellness-Faktor zu machen, der ansonsten nichts anderes will. Aus den relativ harmlosen Epigonen sind Text-Ingenieure geworden, oft ohne das geringste Bewusstsein für ihr Tun. Denn der Begriff des Ingenieurs, angewendet auf Bereiche des Menschlichen, hat eine unschöne Geschichte. „Ingenieure der Seele“ sollten nämlich Schriftsteller schon einmal sein. Fand Stalin.

Thomas Wörtche © 08/2015

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