Das mag damit zu tun haben, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Literaturwissenschaft an deutschen Universitäten Kriminalliteratur als schmuddelig ansah und sich damit nicht beschäftigen wollte.  Sogar in den Einführungen Germanistik der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gibt es seit 2015 von Thomas Kniesche gleichberechtigt neben anderen Einführungen in die Hochliteratur eine „Einführung in den Kriminalroman“ mit allem, was dazugehört – vom aktuellen Forschungsstand bis zu den Kernbegriffen der Sozial-, Ästhetik- und Mentalitätsgeschichte. Und das angepriesen mit dem Qualitätssiegel „Bachelor- und Mastergeprüft“. Entsprechend stark wächst seit Jahren die deutschsprachige Sekundärliteratur über den Kriminalroman. Was will man mehr? Theorie, Sekundärliteratur, mehr Platz in den etablierten Medien, anspruchsvolle Internetportale; es müsste glänzend stehen um die Krimikritik.

These 2: Trotz günstiger Voraussetzungen bleibt die Bedeutung der Krimikritik begrenzt.

Tut es aber nicht. Auch wenn die intellektuelle Beschäftigung mit dem Kriminalroman sehr rege geworden ist; ihr Einfluss bleibt begrenzt. Die Krimi-Szene ist – heute vielleicht sogar mehr als noch Ende des letzten Jahrhunderts – viel stärker von ihren Lesern und von den Marketingstrategen der großen Verlage getrieben. Schon der Krimiliebhaber Dieter Paul Rudolph hat das mangelnde Interesse an „Theorie“, das Desinteresse an der Beschäftigung mit den literarisch-ästhetischen Kategorien für den Krimi vor knapp zehn Jahren beklagt. Er hatte 2006 nach längerer Zeit wieder ein Krimijahrbuch auf den Markt gebracht und sich damals hoffnungsvoll auf den Weg gemacht zur „Criminale“, dem alljährlichen Treffen der deutschsprachigen Krimiautoren, auf denen der Glauser-Preis für die besten Autoren verliehen wird. Im Gepäck hatte er etliche Packen seiner Krimijahrbücher. Wo, wenn nicht hier – vor ausgesuchtem Fachpublikum –, sollte er einen Markt für die fundierten Betrachtungen über den Kriminalroman und für Krimikritik finden? Wo, wenn nicht hier, könnte man über Ästhetik oder Relevanz des Kriminalromans streiten? Noch dazu zum Sonderpreis. Rudolph wurde enttäuscht: „Am Ende reiste der Verleger traurig wieder ab. Gerade zehn Exemplare waren verkauft worden.“ 750 Mitglieder hat das Syndikat, und noch mehr interessiertes Publikum besucht die Lesungen der „Criminale“.

Der Krimikritik geht es wie der Literaturkritik im Allgemeinen, ja sogar dem gesamten Journalismus, der sich etwas auf seine aufklärerische Rolle und seine Qualität einbildet. Kritiker sind Experten, die etwas „vor“gelesen haben, von dem sie meinen, dass es wert ist, vom Krimiliebhaber „nach“gelesen zu werden. Ein paar Besprechungen in den relevanten Medien – und die Buchhandlungen legen den Titel in Stapeln auf ihre Büchertische und das besprochene Buch wird gekauft. Das mag mal so gewesen sein. Aber heute? Pustekuchen. Sicher, gute (auch schlechte) Besprechungen haben noch immer Wirkung, aber bei weitem nicht mehr in dem Maße wie noch vor 10 oder gar 20 Jahren. Das mag damit zu tun haben, dass die Kritiker als – nennen wir sie mal so – kulturelle Bedeutungsträger in einer Umwelt der Reiz- und Informationsüberflutung, in der die Marketingabteilungen der Verlage in ihren eigenen Magazinen und in der Präsentation für den Buchhandel unaufhörlich neue Superlative versprechen, nur noch leise zu hören sind. Der Philosoph Peter Sloterdijk meint, „im kognitiven Haushalt moderner Großgesellschaften hat sich während der letzten Jahrzehnte ein Strukturwandel vollzogen, der zur Marginalisierung der Intellektuellen führte“.  Wenig deutet darauf hin, dass sich die Übertreibungsrhetorik der Marketingstrategen abnutzt, die in ihren als unabhängig getarnten Marketingblättern den Krimilesern nicht mehr als die marktschreierischen Klappentexte ihrer Spitzentitel ins Ohr blasen. Im Gegenteil, neue Trends werden heute nach solchen markttauglichen Gesetzen gemacht: „Gefragt sind Krimis mit einem Schuss Humor, böse Zungen raunen: literarische Leichtgewichte“, heißt es im Krimi-Spezial des „Börsenblatts“ zum jüngsten Trend.

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