Also zum Beispiel mit tüchtigen Polizisten, wie die von Ian Rankin oder Reginald Hill oder John Harvey. Die klären Morde auf, sind oft auf Seiten der Opfer, haben Verständnis für die Mühseligen und die Beladenen, sind nicht unbedingt „law and order“-Typen, setzen aber die gesellschaftlichen Normen im Großen und Ganzen gegen deren Verletzer durch. In der Logik von Rankin eher links, aber mit einem eher konservativen Auftrag. Was aber, wenn ihnen in ihren Texten, die deutlich „crime novel“ sind, das Böse aus dem Biotop des „Thrillers“ begegnet? Kann ja vorkommen, dass die Cops einen irren Serialkiller jagen, einen wahnsinnigen Kinderschänder oder einen sonstigen thriller-relevanten Bösewicht, der nun einmal einfach böse ist. Ist das dann konservativ? Oder eher links? Oder universal?

Sie sehen, die Diskussion stockt. Interessant ist sie deswegen, weil sie ein bisschen zum Sortieren zwingt. Wobei wiederum lustig ist, dass „Schubladendenken“ ein massiver Vorwurf ist, andererseits gerade auf dem Feld der Kriminalliteratur Sortierungen gerne genommen werden, weil sie Erwartungshaltungen bedienen. Das Immergleiche soll auch immer gleich heißen. Ein Leiche im Gemüsegarten und am Ende war der Mörder der Bürgermeister, aufgeklärt von den Kakerlak-, Schwein-, Schaf- oder Amateurdetektiven oder von der Kommissarin mit ihrem Assistenten oder dem fixen Lokalreporterich, egal welchen Geschlechts – das ist ein Krimi. Und Krimis sollen bis ins Feintuning optimiert und in Sparten rubriziert immer genauso aussehen.

Ein Thriller hingegen soll – wer weiß es so genau – vielleicht viel brutaler sein, das Verbrechen einlässlicher (graphic) schildern, tiefer in die Seele des Ungeheuers eindringen, mehr Action haben, zudem suspense und thriller aufwenden, Schock und Cliffhanger bemühen, Atmosphären des Höllischen und Visionären eröffnen, gar ein offenes Ende haben oder zumindest den Keim eines Sequels in sich tragen. Hat man das versäumt, gibt es ja noch das Prequel. Stuart MacBride würde nach der Logik „Thriller“ schreiben, aber mit sozialkritischen Cops drin – also Polizei-Thriller. Hmm?

Sie merken es selbst – als Alleinstellungsmerkmal taugt nichts davon. Der Germanist Richard Alewyn hat einmal, way back in the 1960s, die oft dankbar genommene Unterscheidung zwischen Detektivroman und Kriminalroman getroffen: Der Detektivroman muss von der Aufklärung eines Mordfalls erzählen, Kriminalroman ist nach dieser Logik das, was übrigbleibt von dem, was wir magisch vorbegrifflich „Kriminalliteratur“ nennen. Strikt wissenschaftlich gesehen, wie ich hier eigentlich nicht vorgehen will, ist eine Gattungs- oder Genredefinition, die sich mit der Anordnung von Handlungselementen (Mord, Aufklärung, Action etc.) als Merkmal für Texte begnügt, ein Unding. Und schon gar keine „Form“, wie es immer so schön heißt, die „Regeln“ brauche, um zu funktionieren, bzw. „Regeln durchbrechen“ müsse/könne/dürfe. „Red Harvest“ aus dem Jahr 1929 von Dashiell Hammett, ein Grundlagentext der Kriminalliteratur, erzählt weder von der Aufklärung eines Verbrechens, noch besitzt er formale Parameter, die für „Kriminalroman“ typisch wären. Weder eine bestimmte Perspektive, eine bestimmte Anordnung von Elementen und so weiter. Ein Sonett hingegen ist ein Sonett: zwei Quartette, zwei Terzette. Das ist eine Form. Beim Kriminalroman verwechselt man Form gerne mit Erzählkonventionen, die immer wieder vorkommen, aber deswegen noch lange nicht normativ sind. Ein Privatdetektiv-Roman hat oft einen Ich-Erzähler, aber nicht notwendigerweise. Eine Cop-Novel ist oft polyphon und multiperspektivisch, aber nicht notwendigerweise …

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