Was McDermid vergisst ist, dass auch der rechte Thriller oder der konservative Krimi dem Status quo kritisch gegenübersteht. Der Status quo Englands von heute hat mit der Welt einer Miss Marple nicht mehr viel gemeinsam. Ist links, wer heute im Krimi verarbeitet, wie Stadtverwaltungen im Vereinigten Königreich jahrelang weggesehen haben, als Einwandererbanden immer wieder Mädchen aus Unterschichtenfamilien in die Prostitution zwangen? Oder ist er rechts, weil die Einwanderer allesamt aus der Welt des Islam stammen? Gesellschaftskritik ist kein Privileg der Linken. In Deutschland ist das lange verdrängt worden und ausgerechnet das Erstarken der Alternative für Deutschland (AfD) und das Aufkommen solcher Bewegungen wie „Pegida“ erinnern wieder daran. Es gibt in fast allen Ländern und eben auch in Deutschland eine starke systemkritische, anti-bürgerliche und antikapitalistische Gesellschaftskritik nicht nur von links. Es gibt sie auch von rechts, wie die Begeisterung weiter Teile der AfD und der Linkspartei für den russischen Präsidenten Wladimir Putin und ihr gemeinsames Nein zum Freihandel zeigen. Freihandel, vom Philosophen Immanuel Kant noch als eine Voraussetzung zum  „ewigen Frieden“ zwischen den Völkern benannt, ist für sie Sinnbild einer ausbeuterischen, kapitalistischen Ordnung, in der das Bürgertum seine Klasseninteressen brutal durchsetzt.

In dieser Kritik am Status quo der modernen bürgerlichen Gesellschaften des Westens treffen sich auch linke und rechte Autoren von Kriminalromanen. Der Unterschied links oder rechts lässt sich nicht, wie Val McDermid behauptet, strukturell an der literarischen Form Thriller oder Krimi festmachen. Es geht um die Autoren, nicht um die Form. Sicher, die Form beeinflusst den Inhalt. Der Thriller muss stärker auf Gewalt setzen, er verlangt nach einer paranoiden Weltsicht, die überall Gefahren sieht. Das macht ihn attraktiv für Autoren wie den in Amerika als konservativen Helden verehrten Vince Flynn. Der frühere amerikanische Präsident George W. Bush soll Flynns Bücher verschlungen haben, die sich mit islamistischer Bedrohung genauso beschäftigten wie mit dem Kampf gegen den Terror. Flynns neunter Thriller „Protect and Defend“ hielt sich lange ganz oben auf der Beststellerliste der „New York Times“.

Damit nähern wir uns dem, was wohl wirklich zu Val McDermids zugespitzer These führt. Es gibt heute mehr Autoren mit rechter Weltsicht als früher. Dass in den 70er- und 80er-Jahren Autoren wie Dashiell Hammett oder Raymond Chandler Massenauflagen hatten, dass Ross Thomas – wenn auch brutal gekürzt – mit seinen Büchern schnell ins Deutsche übersetzt worden ist, hat auch mit dem Zeitgeist zu tun. Der Geist in der alten Bundesrepublik – an den Schulen, in den Universitäten, in den Feuilletons – wehte damals von links. Auch deswegen ist der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 mit dem Versprechen für eine geistig-moralische Wende in den Wahlkampf gegangen.

Und unter Kohl ist das Land wieder konservativer geworden. Mit Merkel und der großen Koalition kommt nun der Biedermeier einer selbstgerechten Nation.  Viele Autoren, die heute Kriminalromane schreiben, sehen sich den Markt für ihre Bücher genau an. Und der Markt – sei es für Thriller, sei es für Krimis – ist fast in jedem Land doppelt konservativ. Wer Detektivgeschichten liest, will zumeist, dass die durch den Mord zerstörte Ordnung wieder hergestellt wird. Wer als Autor in Zeiten des Überangebots an Krimis Erfolg haben will, muss den Markt bedienen. Linke Krimis sind in einer Zeit alternder Leser und biedermeierlicher Ruhe ein Nischenprodukt wie linke Thriller.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt schon ein Blick auf die deutschen Fernsehkommissare. Ob Tatort oder ZDF – der Generationenwechsel findet auch auf dem Bildschirm statt. Die neuen Ermittler sind modern sie geben sich bewusst unideologisch. Sie setzen auf Effizienz. Im Kern sind sie konservativ, sie stellen die Ordnung nicht in Frage, der sie dienen. Das ist genau das, was im Öko-Biedermeier der neuen Bundesrepublik von den Zuschauern gewünscht wird. Europas Gesellschaften driften nach rechts. Ein Narr, wer glaubt, auf die Autoren von Kriminalromanen und den Krimi hätte das keinen Einfluss. Es ist doch kein Zufall, dass eine der interessantesten Neuerfindungen der deutschen Fernseh-Krimi-Landschaft, der verdeckte Ermittler Cenk Batu im Hamburger „Tatort“ schon nach sechs Folgen wieder eingestellt worden ist. Vielleicht können Neuautoren hier ja mal berichten, was sie von Literaturagenten oder Lektoren heute zu hören bekommen, wenn sie einen politischen Thriller – links gestrickt – anbieten? 

 

Carsten Germis © 07/2015

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