Ellroy – und vielen anderen Thriller-Autoren – fehlt das, was Linkssein ausmacht. Der Glaube daran, dass Menschen gut sein und nur von der Gesellschaft böse gemacht werden. Wer links ist, hat ein Bild einer gerechten Gesellschaft, und er glaubt, dass Menschen sich dieses Paradies schaffen können. Ein Konservativer glaubt das nicht, der Staat kann allenfalls das kleinere Übel sein, dass den Menschen mit Institutionen, mit Verfahren – notfalls mit Gewalt – zwingt, die Regeln einzuhalten. Val McDermids Generalverdacht gegen den Thriller als strukturell reaktionär scheint also nicht ganz so weit hergeholt zu sein, wie man anfangs meinen möchte. Das paranoide Misstrauen gegen alle Eliten der bürgerlichen Welt als korrupt und bösartig, die immer wieder hervor gekramten Verschwörungstheorien – in neuester Zeit ist es gerne mal die islamistische Bedrohung – , das Zetern über die „Lügenpresse“, die Geringschätzung der repräsentativen Demokratie, das erinnert oft wirklich mehr an Pegida und den Unsinn, mit dem Autoren wie Udo Ulfkotte sich in Deutschland über Monate in der „Spiegel“-Bestseller-Liste halten können.

Wäre da nicht noch diese Gegenübersetzung: Thriller rechts, Krimis links. McDermid beruft sich bei diesem Urteil auf ihren schottischen Kollegen Ian Rankin. Der Krimi stehe dem Status quo kritisch gegenüber – manchmal offen, manchmal subtil – und er gibt den Menschen eine Stimme, die es in der etablierten Welt nicht so angenehm haben – den Einwanderern, den Prostituierten, den Armen, den Alten, sagen die beiden und glauben, so ihre These zu stützen.  Wer sich die Mühe macht und in einer beliebigen deutschen Buchhandlung einen der erfolgreichen deutschen oder angelsächsischen Krimis zur Hand nimmt, wird auch heute in den meisten Fällen diese Stimmen nur in Nebenrollen hören, wenn überhaupt.

Man muss nicht Agatha Christie und ihre unvergessene Miss Marple bemühen, um an die konservativen Wurzeln des Krimis zu erinnern. Und diese konservative Form hat im Krimi überlebt. Hier wird – bis hin zum Regionalkrimi der Gegenwart von heute – die Ordnung durch das Verbrechen gestört. Am Ende aber steht die Wiederkehr der Ordnung. Der Kriminalroman folgt bis heute – allen Innovationen und Ausreißern zum Trotz – dem Muster, das Peter Handke in seinem 1967 erschienenen Roman „Der Hausierer“ so fein herausgearbeitet hat. Für das Ende gilt: „Alles ist in Ordnung, und wenn etwas nicht in Ordnung ist, wird es jedenfalls nicht mehr beschrieben.“

Es gibt natürlich auch Krimis mit linkem, aufklärerischem Anspruch. Ian Rankin und Val McDermid stehen in Großbritannien für diese Strömung, die dem Krimi à la Agatha Christie eine Erkenntnisfunktion gegeben hat, indem sie das Schema dieser Art von Literatur so transformiert hat, dass der Krimi wesentliche Züge des realistisch-sozialkritischen Romans aufnehmen konnte. Nur – strukturell ist ein Kriminalroman allein deswegen auch heute noch nicht links. Schon Dorothy Sayers hat den Krimi in den 30er-Jahren in diesem Sinne erweitert. Die von McDermid bewunderte, kürzlich verstorbene Phyllis Dorothy (P.D.) James, die für die Konservativen im britischen Oberhaus saß, hat es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. Nur – linke Krimis hat sie nicht geschrieben.

zurück weiterlesen