Ich könnte diese komisierenden Verfahren von Manchette – oft über dem Thema und dem Sujet des Textes völlig unangemessene Erzählereinschübe – wie in einem Katalog aufblättern, aber wichtig ist: Politisch ist Manchette nicht, weil er politische Überzeugungen und politische Thesen in Romanform verbreitet, sondern weil er die Darstellung von Politischem komisch inszeniert und deswegen nicht eine Ideologie („Kapitalismus“) durch eine propagierte andere („Sozialismus“ oder was auch immer) ersetzt.  Die Komisierung der einen Ideologie braucht keine Legitimation durch eine andere.

    Diese zutiefst alles relativierende Kraft des Komischen macht sie für Tyrannen, Autoritäten, Vorgesetzte, Selbstgerechte, sich für wichtige Haltende, Volkserzieher und -beglücker,  Dummköpfe, Reflexionsverweigerer, Ideologen und Dogmatiker aller Couleur unerträglich. So unerträglich, dass sie mit der Kruzifix-gegen-den-Seibeiuns-Frage: „Darf man das?“ anrücken, vor allem und gerade wenn Komik im Spiel ist.

    „Das Komische ist kein logischer, kein ethischer, kein (im engeren Sinne) ästhetischer Konflikt, es hat mit den Alternativen Wahr-Falsch, Gut-Böse, Schön-Hässlich nichts zu tun; sie können in ihm aufscheinen, aber es geht nicht in ihnen auf“, heißt es bei Helmuth Plessner. Und genau das ist der Grund, warum es für die Kriminalliteratur so wichtig ist, die doch mit Wahr & Falsch, mit Gut & Böse ganz kategorial zu tun hat. Denn wenn es mit diesen Konflikten nicht zu tun hat, dementiert es gleichzeitig dessen normative Pole. Komik ist immer „unangemessen“, ist anti-seriös und gegen das jeweils Offizielle gerichtet. Es ist provokant, riskant und nicht-konsensual.

    Kriminalliteratur etwa, die mit dem Muster von „Fall“ und „Aufklärung“ arbeitet, geht zum Beispiel mit der (gesamtgesellschaftlichen?) Überzeugung konform, „das Verbrechen“ bestehe aus einzelnen Fällen, die jeweils bearbeitet werden können. Demzufolge ist „das Verbrechen“ bekämpfbar, gar auszurotten. Die Norm dabei ist die „bürgerliche Lebenswelt“, die vor dem Verbrechen geschützt werden soll. Wie cool und ultragemein man diese als nicht-verbrecherische, normativ (family values etc.) gedachte Lebenswelt torpedieren kann, zeigt „Justified“, eines der komischsten Stücke crime fiction, die je ersonnen wurden – nicht zufällig von Elmore Leonard, auch er ein Virtuose des komischen Kriminalromans und deswegen einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die Sippe, die Familie als Herz des Konfliktes zwischen „gut“ und „böse“ wird in „Justified“ mit brachialem Gewalteinsatz (der physischen und psychischen Art) komisch inszeniert. Die Komik liegt auch hier im nach landläufigem Verständnis „unangemessenen“ Umgang der Familienmitglieder oder der Sippen untereinander. Der tödliche US-Marshall Raylan Givens und sein Duell mit seinem mörderischen Vater stellt oberflächlich den ewigen Vater-Sohn-Konflikt (abendländisch bis ins Mark) nach, bis er kein Konflikt mehr ist, sondern nur das unbehagliche Gefühl, dass staatlich legitimierte Gewalt nicht aus moralischen Gründen, sondern eben deswegen obsiegt, weil sie machtgestützt ist. Arlo Givens letzte Konsensverweigerung auf dem Sterbelager wird von Raylans eiskalter Beiläufigkeit komisch gekontert. Das Lachen an dieser Stelle ist eher überraschend denn als Schlusspointe gesetzt.

    Und hier sind wir bei einem der prekären Punkte des Komischen angelangt. Was, wenn  der immer vorhandene „relationale Aspekt“ (Odo Marquard) der Komik in „inhumane“ Gefilde führt? Da, wo das Lachen nichts zu suchen hat, nach allgemeinen menschlichen/zivilisatorischen Standards?

    Dazu muss man, sorry to say, das Lachen von der Komik abkoppeln, was zunächst sicher heitere Kommentare zur Folge haben wird, ich solle doch in den Keller gehen, wenn mich noch nicht mal Komik zum Lachen bringt.

zurück weiterlesen