Von nun an wich er ihr kaum noch von der Seite. Er erschien, wenn sie ihr morgendliches Aufwärmtraining hatte, er ging zu ihren Proben, er saß neben ihr, wenn sie das Wenige aß, das sie essen durfte, damit sie nicht zunahm, er ließ sie nur in Ruhe, wenn sie ihre Stunden bei der Physiotherapeutin hatte. Er bewunderte ihre definierten schlanken Muskeln, liebte es, wie sie ihre Trainigskleidung auf links trug, damit die Nähe nicht scheuerten, fand es aufregend, wie sie mit ihrem Tanzpartner die Liebesszenen übte, hatte Mitleid, wenn er sah, wie sie versuchte, ihre Schmerzmittel so zu nehmen, dass es niemand bemerkte. Er hörte zu, wenn sie darüber sprach, wie sie schon als Kind nur ein Ziel hatte, nämlich zu tanzen, wie sie sich gegen ihre Eltern durchsetzen musste, die einen Bauernhof in Vorpommern hatten, und wie für sie das Berliner Staatsballett immer der größte Traum ihres Lebens gewesen war.

    Er ließ sich keine Gefühlsregung anmerken. Er blieb unverbindlich und höflich, kam nie zu früh zu Verabredungen und blieb nie zu lang, und als er genug Material für eine Reportage zusammen hatte, als die Zeit reif war, endlich sein Versprechen einzulösen, den Redakteur vom Fernsehen anzurufen, irgendetwas zu tun, da schreckte er wieder davor zurück, wälzte sich die ganze Nacht herum und dachte daran, dass sie ihn immer noch nicht ansah.

    Er ärgerte sich. So sehr, dass er entschied, sie einfach aus seinem Gedächtnis zu streichen.

 

Er fand aber keine Ruhe. Im Gegenteil. Nun, da er sie nicht mehr sah und auch keinen Grund hatte, sie zu sehen, dachte er noch öfter an sie als zuvor. Er redete sich ein, es sei das schlechte Gewissen, weil er ihr mehr versprochen hatte, als er schließlich einzulösen bereit gewesen war. Also rief er den befreundeten Fernsehredakteur an, von dem er ihr erzählt hatte, schickte ihm seine Notizen über die Probenarbeit und überredete ihn, einen TV-Beitrag über das Ballett zu machen, mit ihr im Mittelpunkt.

    Wochen später lief der Beitrag tatsächlich im Fernsehen. Er sah ihn sich zusammen mit seiner Frau an, die nebenbei noch an einer Rede herumschrieb und deshalb nicht bemerkte, wie er sich quälte. Joachim konnte immer noch nicht ruhig schlafen, denn natürlich war es nicht das schlechte Gewissen gewesen, das ihn wachgehalten hatte. Es war der Ärger darüber, dass sie ihn nie richtig angesehen hatte. Wie das Mädchen von Renoir. Den Renoir hatte er mittlerweile abgehängt, seine Frau hatte es nicht einmal bemerkt, da sie sein Arbeitszimmer so gut wie nie betrat. Nur die Putzfrau fragte ihn irgendwann nach dem hübschen Mädchen, ob sie das Bild haben könnte, sie würde es gern bei sich zu Hause hinhängen, wenn es ihm recht sei. Sie hatte es zusammengerollt hinter dem Bücherregal gefunden. Er nickte, war fast schon erleichtert, glaubte, endlich von diesem Mädchen befreit zu sein, ein für alle Mal. Warum hatte er nicht gleich daran gedacht, das Bild zu verbrennen oder wegzuwerfen?

    Weil es nichts half. Weil es ihn nun quälte, dass andere Augen über die Gestalt des Mädchens glitten, Augen, die gar nicht begreifen konnten, was sie da vor sich hatten. Das musste er schon eine Woche später einsehen. Noch immer fand er keinen Schlaf, obwohl er jetzt jeden Abend mit Rotwein nachhalf. Nach einigen Gläsern schrieb er morgens um zwei eine E-Mail an seinen Freund vom Fernsehen, in der er ihn um eine Kopie des Beitrags bat. Am nächsten Morgen hoffte er, diese Mail nur geträumt zu haben, aber schon am Abend überreichte ihm seine Frau einen Umschlag, den ein Kurierfahrer abgegeben hatte. Joachim verschanzte sich in seinem Arbeitszimmer und sah sich die DVD dreimal hintereinander an.

    Sie sah ihm immer noch nicht in die Augen. Ihr Blick ging knapp an der Kamera vorbei.

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