Seit seiner Studienzeit hatte der Druck von Renoirs »Danseuse« in keiner seiner Wohnungen fehlen dürfen. Auch im neuen Haus am Dreipfuhlpark hing es in seinem Arbeitszimmer über dem Schreibtisch. Vier Wochen hatte es gedauert, bis er es endlich hatte aufhängen können, denn der letzte Druck hatte den Umzug nicht überstanden, und die Lieferung des neuen hatte sich unerträglich in die Länge gezogen. Erst war es zu einer Verwechslung gekommen und man hatte ihm ein kitschiges Klimt-Bild geschickt. Dann hatte man ihn mit Lieferschwierigkeiten hingehalten, und schließlich war der Druck an die falsche Adresse gegangen. Vier Wochen ohne seine »Danseuse« – seine Frau hatte ihn ausgelacht, weil er so sehr an diesem Bild hing, aber dann, als es endlich da war, hatte sie sein Gesicht gesehen, seine Augen, die warm und zufrieden über die junge, blasse Gestalt glitten, und sie hatte sich nie wieder über ihn lustig gemacht.

    Seit seiner Studienzeit hatte er dieses Mädchen vor Augen gehabt, es hatte sich nie verändert, nie bewegt, nur mit seinen großen blauen Augen knapp an ihm vorbei gestarrt, bis sie nun heute vor ihm tanzte.

    Sein Freund Robert weckte ihn aus einem Zustand zwischen Tagtraum und Schockstarre, als die Tänzer längst verschwunden waren. Robert merkte nicht, was mit ihm war. Er dachte, sein Freund sei in Gedanken, weil er zu viel arbeitete. Auch Joachims Frau merkte nichts, oder vielmehr, er gab sich allergrößte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, und das gelang ihm auch. Tagsüber, wenn sie in ihr Büro verschwand, stahl er sich zu Roberts Proben, blieb aber nie länger als eine halbe Stunde, schaffte es sogar, von Robert gänzlich unbemerkt zu bleiben. Da man ihn im Haus kannte, hatte er keine Mühe hereinzukommen, und so fiel er niemandem wirklich auf. Er achtete darauf, dass seine Arbeit nicht unter dieser Ablenkung litt, die ihm das Mädchen verschaffte. Im Gegenteil, er strengte sich noch mehr an als sonst und lief in der Redaktion zu Höchstform auf.

    Aber nach einer Woche funktionierte es nicht mehr. Er wusste, dass ihm die halbe Stunde nicht mehr lange reichen würde. Es wäre auch sinnlos, länger im dunklen Zuschauerraum zu sitzen und sie anzusehen. Er würde mit ihr sprechen müssen.

    Robert erzählte er, er würde einen großen Artikel über die Inszenierung planen. Dazu wollte er mit der Solotänzerin reden. Ein großes Talent, das er zu porträtieren gedenke. Robert stellte sie ihm nur allzu gern vor. Ein großer Artikel über seine Inszenierung, was wollte er mehr. Er achtete nicht darauf, wie die Augen seines Freundes über die Gestalt der Tänzerin glitten.

    Das Mädchen sah aus der Nähe betrachtet nicht so jung aus wie auf dem Bild, und das beruhigte Joachim. Sie war Anfang zwanzig und hieß Helene. Sie sagte ja, als er sie bat, sich bei einem gemeinsamen Essen interviewen zu lassen. Er entdeckte Freundlichkeit in ihren Augen. Aber ihr Blick ging knapp an ihm vorbei, und so war es auch bei dem Essen, bei dem sie nicht mehr als ein paar Salatblätter verzehrte und nichts als stilles Wasser trank. Nie schien sie ihn direkt anzusehen, ganz so wie das Mädchen in dem Bild.

    Nach diesem Essen konnte er die ganze Nacht nicht schlafen. Er wälzte sich unzufrieden herum und dachte darüber nach, wie er sie dazu bringen könnte, ihn endlich anzusehen. Vielleicht würde es Zeit brauchen, und um diese Zeit zu bekommen, entschied er sich, das Interview mit ihr nicht in der Zeitung zu bringen. Noch nicht, wie er ihr sagte, denn er hätte etwas anderes vor, als sie nur im Rahmen der anstehenden Premiere als Solotänzerin vorzustellen. Er wollte etwas Größeres über sie bringen, eine Reportage, vielleicht sogar beim Fernsehen, denn er hatte exzellente Kontakte, und sie schwieg, als er ihr davon erzählte, schwieg und sah wieder knapp an ihm vorbei, obwohl sie lächelte.

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