Der geheimnisvoll glühende Koffer, den Vincent und Jules zu Marsellus bringen, stammt aus „Kiss Me Deadly“, allerdings wird dort im Gegensatz zu „Pulp Fiction“ verraten, was er enthält. Wenn Jimmie (Quentin Tarantino) zu Jules sagt, „Don’t fucking Jimmie me Jules“ ist dieser Satz ein Verweis an „Jules und Jim“. Christopher Walken erinnert als Vietnamveteran an seine Rolle in „The Deer Hunter“, Harvey Keitel an „Victor the Cleaner“ in dem „Nikita“-Remake „Point of No Return“. Doch wie in seinem narrativen Stil verweist Tarantino auch hier nicht nur auf Vorläufer, sondern geht auf ironische Distanz, indem er sich zum einen auf nebensächliche und einleitende Aspekte wie Butchs sorgfältige Wahl der Waffe konzentriert und zum anderen seine fiktionalen Figuren mit einem Bewusstsein für ihre filmischen Vorläufer ausstattet – dies wird durch sorgfältiges Casting noch unterstrichen. Wenn Vincent bspw. mit Mia tanzt, ist er sich des John Travoltas der 1970er-Jahre bewusst und verfügt damit über eine absurde Selbsterkenntnis.

 

Dieses Spiel mit den Erwartungshaltungen und Genreregeln setzt sich auch im Visuellen fort. Tarantino verbindet die nervösen Jump Cuts der Nouvelle Vague mit langen Einstellungen, in denen die Gewalt plötzlich eruptiert. Sein Score besteht aus bekannten Popmelodien, zusammen mit den Dialogen sorgen sie für den typischen Tarantino-Sound. Dabei erscheinen die Dialoge oftmals banal, betonen dadurch indes auch die Absurdität des Kriminellen und lösen die Figuren aus einem realistischen Kontext. Dadurch verlieren ihre Taten den durch ihren ‚Beruf‘ rechtfertigenden Hintergrund und erscheinen grotesker. Zugleich widersetzt sich Tarantino der Erwartung, dass der Dialog zu der Handlung passen und sie vorantreiben soll, wenn er bspw. seine Killer auf dem Weg zu einem Mord über Burger-Namen und Fußmassagen reden lässt. Jedoch geht die Funktion dieses Dialogs über das ‚Llässig-Coole‘ hinaus, denn sie lassen gleichermaßen die Normalität als auch Ruhe erkennen, die sie angesichts der bevorstehenden Tat empfinden. Ferner ist in diesen Dialog der Satz eingebaut, dass „Marsellus Wallace don’t like to be fucked by anybody except Mrs. Wallace“. Es ist zunächst ein zitierfähiger, amüsanter Satz, mit dem außerdem der Mythos des Auftraggebers aufgebaut wird – und dessen Ernsthaftigkeit sich später in der Vergewaltigungsszene zeigt. Das ist nicht nur Effekthascherei, sondern sorgfältiges Erzählen.

 

Auf diese Weise entsteht inmitten der Zitate und Verweise, der Nachahmung und ironischen Brechung eine neue Ebene, die eindeutig mit dem Namen Tarantino assoziiert wird – und mittlerweile die filmische Wahrnehmung von ‚pulp‘ bestimmt. Wird in dem Film „Pulp Fiction“ durch die Handlungselemente und die narrative Struktur das ‚pulp‘-Element betont und durch deren ironische Brechung bestimmt, wird heutzutage in Filmen unter ‚pulp‘ vor allem die grotesk-überzogene, humoristisch-überzeichnete Darstellung von Gewalt gesehen und der Begriff fast ausschließlich auf Kriminalfilme angewandt. Dabei ist „Pulp Fiction“ weit weniger gewalttätig als gemeinhin (und auch in meiner Erinnerung) angenommen wird. Seine Gewalt entspringt den gewalttätigen Leben, die seine Figuren führen, geschieht oft außerhalb der Bilder oder am Ende der Episoden.

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