Die Generalsekretärin von Amnesty Deutschland, Selmin Caliskan, spricht aus, was wir alle wissen:

"Statt entschlossen der Gewalt und Diskriminierung entgegenzutreten, schüren viele europäische Politiker sogar den Glauben, Roma seien für ihre Ausgrenzung selbst verantwortlich."

Genau. Wer ausgebeutet wird, wer auf der anderen Seite steht, ist selbst schuld. Das bekommen wir doch auch jeden Tag eingetrichtert: Du hast keinen Job? Du musst eben noch was lernen! Du machst keine Karriere? Dann streng dich eben mehr an? Du bist krank? Hör auf zu rauchen und zu saufen!
    Wir sind alle Roma. Es lohnt sich deshalb näher hinzusehen in der Fußgängerzone. EINMAL nicht wegsehen? Würde das die Welt besser machen? Ja. Nein. Ein bisschen.
    Hinsehen löst Gedanken aus. Das, was wir sehen, wenn wir in der Fußgängerzone mal nicht in die Schaufenster sehen, sondern auf die Menschen davor, das ist die wirkliche Welt. Das andere ist die Scheinwelt der Ausbeuter. Schicke neue Schuhe, die machen uns glücklich und entschädigen uns dafür, dass wir ausgebeutet werden? Nein, das ist alles Unsinn. Das wahre Leben ist das Elend VOR dem Schaufenster. Bettelnde Roma. Und wir selbst. Gehetzt, auf der Jagd nach Jugend und Schönheit, auf Erfüllung durch Konsum. Damit wir vergessen, wie wir ausgebeutet werden. Im Job. Vom Partner. Von einer Unterhaltungsindustrie, die uns computergestützt erklärt, was wir zu sehen, zu hören und zu lesen haben. Und zu denken. Wenn wir der Wahrheit ins Gesicht schauen, dann sehen wir uns selbst. Vielleicht vermeiden wir deshalb den Augenkontakt mit musizierenden Roma. Wir wollen uns selbst nicht ins Gesicht sehen. Wir wollen nicht hinsehen, weil Hinsehen Gedanken auslöst. Gedanken, die wehtun. Wer zu lange nachdenkt, stellt Fragen. Warum mache ich den Blödsinn im Büro jeden Tag? Damit ich mir mehr Blödsinn kaufen kann, den ich nicht brauche?
    Wer in der Fußgängerzone musiziert, um zu überleben, der hat nichts Überflüssiges. Wer vor den Schaufenstern Geld verdient, der kann nichts von dem Zeug kaufen, das hinter den Schaufenstern auf uns süchtige Konsumenten wartet.
    Vielleicht sind die Roma ja die auf der richtigen Seite und wir stehen auf der falschen? Kaum. Ein "lustiges Zigeunerleben" hat es nie gegeben. Aber auf unserer Seite ist nicht alles gut und auf der anderen vielleicht auch nicht alles schlecht. Solche Gedanken können irgendwann die Welt retten.
    Also:
    Ist die Welt noch zu retten? Ja. Trotz allem. Jeden Tag. Ein bisschen.

Eberhard Nembach©05/2014

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