Neben der Frau am Herd ist die Femme Fatale die männliche Sehnsucht des letzten Jahrhunderts.

    Die Helden in Krimigeschichten, in denen sie diesem Fabelwesen verfallen, verkörpern biedere Mittelklasse. Sie fühlen sich zu mehr berufen. Spade an seinen Schreibtisch gebunden schlägt sich mit Geldsorgen herum, Frank Chambers, stets auf der Durchreise, auf der Suche nach einem Job, Walter Neff verhökert weiterhin Versicherungen, statt einen Mord zu planen. Ohne die Femme Fatale an ihrer Seite hätten sie keine Leser gefunden. Lady Macbeth hätte sich zur Königin aufgeschwungen, wäre ihr von Shakespeare nicht dieser miese Beckmesser an die Seite gestellt worden.  Woyzeck greift zur Selbsthilfe, indem er seine Marie ins Wasser zieht. Wie Carmen wandte sie sich einfach dem Nächsten zu, wenn sie sich zu langweilen begann. Die Geschichte der Femme Fatale ist auch die Geschichte einer Verblendung. Sie bringt den Mann um den Verstand.

    In Zeiten, wo wir einer Frau sowieso nicht mehr mit Besitzansprüchen zu kommen brauchen, was brauchen wir da also noch eine Femme Fatale? Um an einer Tankstelle auszuhelfen, zu hoffen, dass sich die Hintertür zum Schlafzimmer öffnet oder wir Jack Nicholson auf dem Küchentisch spielen dürfen? Um sich in eine Hassliebe zu verstricken, nur weil Rita Hayworth die Gilda gibt? Um ein ganzes Leben auf eine Estella wie bei Dickens in „Große Erwartungen“ zu warten und sich damit zu trösten, dass Plato Recht hatte, Liebe ist nur in dem, der liebt, und nicht in derjenigen, die geliebt wird? Und häufig bei allen Erfindungen kommt es mitunter vor, dass sich die Erfindung gegen den Erfinder richtet. Sex, Erotik, Erfüllung? Nur damit wir an gebrochenen Herzen leiden dürfen? Es ging immer nur um Macht. Verlieren wir unsere Lust daran, verblasst die Begierde. Warum überhaupt Phantasien projizieren, wo alles im Netz abrufbar ist? Die Femme Fatale trägt Perücke und chattet leicht oder unbekleidet. 

    Das Genre ist eh über sie hinweg. Längst hat der Krimi die Brutalität als Operette entdeckt. Eine Femme Fatale als Borderliner(IN) ist nur auf dem Seziertisch zu ertragen. Bringen wir sie also lieber um und schneiden sie in Stücke, statt sie anzuschmachten.

    Die Lola aus „Der Blaue Engel“ lebte zurückgezogen in Paris und sagte, dass ihr Gesicht zu Tode fotografiert worden sei.  Sie wollte niemanden mehr empfangen.

    Was hätte Marquis de Sade wohl zu alldem gesagt? Adieu Femme Fatale, kontrollieren wir unsere Gedanken? Verkriecht euch, ihr Chauvis, und gebt euch mit Shades of Grey zufrieden!

 

Wolfgang Franßen © 04/2015

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