Auch im folgenden Gespräch kann Walter kaum den Blick von ihren Beinen lassen, es ist Phyllis‘ Sex-Appeal, der ihr die Kontrolle über Walter sichert. Dabei lässt die Kette um ihren Knöchel mit ihrem Namen deutlich erkennen, dass sie über ihre Sexualität bestimmt. Im Buch wird Phyllis‘ und Walters Beziehung hingegen von etwas anderem dominiert: von der Lust am Verbrechen. Sicher ist sie auch im Buch gut aussehend, sie hat „a sweet face, light blue eyes, and dusty blonde hair. She was small, and had on a suit of blue house pajamas.“ Aber sie „had a washed-out looked.“ Erst im Verlauf ihres Gesprächs bemerkt Walter, dass unter dem Pyjama ein verführerischer Körper steckt. Bevor er diesem Gedanken aber folgt, schaut Phyllis ihn an, „a chill creep“ überkommt ihn – und sie fragt nach einer Unfallversicherung. Nun ahnt Walter, dass sie etwas vorhat, und diese oberflächliche Anziehung vermischt sich mit der Möglichkeit, das System zu betrügen, das ihn verbittert hat. Dieses verbrecherische Verlangen verbindet sie.

    Im Buch ist Phyllis eine Psychopathin, sie hat bereits acht Morde begangen und gibt selbst zu „There's something in me that loves death. I think of myself as death, sometimes. In a scarlet shroud, floating through the night, I'm so beautiful then.“ Im Film ist sie indes für Walter gefährlicher als für die Gesellschaft. Indem Billy Wilder nun das mörderische Element ihres Charakters zugunsten des verführerischen zurückdrängt, hat er im Zusammenspiel mit Cains Roman (Drehbuch: Raymond Chandler) eine der einflussreichsten femme-fatale-Figuren des Film noir geschaffen. Sicher war Brigid früher und ist Cora noch verführerischer, aber Phyllis besitzt das perfekte unterkühlte Äußere und Skrupellosigkeit. Ihr erster Auftritt wurde typisch für die Einführung der femme fatale, durch sie konnte Kitty (Ava Gardner) in „The Killers“ noch wissender agieren. Hier reichen Robert Siodmak einige Bilder und Blicke, um die Beziehung zwischen Kitty und Ole Anderson (Robert Mitchum) deutlich werden zu lassen.

    Femmes fatales wie Brigid, Phyllis, Cora und ihre Nachfolgerinnen vereint, dass sie Sexualität einsetzen, um Kontrolle zu haben. Dabei markiert bereits die visuelle Inszenierung ihre Gefährlichkeit: die Kamera fährt ihre Körper entlang, betont ihre Beine, lustvoll werden Zigaretten angezündet. Sie wissen um ihre Wirkung, die sie geschickt für ihre Zwecke einspannen – nur am Detektiv konnte Brigid scheitern. Doch sie steht am Anfang des Film noir, ist unbeeinflusst von Vorbildern und im Gegensatz zu Vivian in „The Big Sleep“ auch von kommerziellen Interessen. Im Vergleich zu den literarischen Vorlagen sind sie indes alle makelloser und entsprechen dem Schönheitsideal der Zeit. Meist in weiß oder schwarz gekleidet, mit perfekter Frisur und langen Beinen. Hinter diesem perfekten Äußeren verbirgt sich oftmals ein verrottetes Inneres, hier erinnern sie an ihre mythologischen Vorläuferinnen, jedoch zeugen ihre Taten oftmals auch von Desillusionierung und Verbitterung. Denn eine femme fatale ist niemals eindimensional – weder in den Büchern noch in den Filmen.

Sonja Hartl © 04/2015

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