In dem Gespräch mit Spade, in dem Brigid dann ihre Identität enthüllt, sagt sie, dass es für sie nichts Schlimmeres als den Tod gebe. In einer Zeit, in der die Moral vorsah, dass für eine Frau erzwungener Sex schlimmer als der Tod sei, macht diese Aussage auch deutlich, dass dieses Diktum für Brigid nicht zutrifft. Für sie ist Sex vielmehr ein Weg, um den Tod zu Männern zu bringen, so lockt sie auf diese Weise Miles Archer in die Gasse, auch versucht sie, im Buch deutlicher als im Film, Sam Spade mit ihrem Körper zu kaufen.

    Doch Brigid scheitert an Spades Ethos, erfolgreicher ist indes Vivian Sternwood (Lauren Bacall) in Howard Hawkes‘ Verfilmung von Raymond Chandlers „The Big Sleep“. Im Auftrag von General Sternwood soll Philip Marlowe (Humphrey Bogart) eine Erpressung aus der Welt schaffen, stellt dann aber auch Nachforschungen in dem Verschwinden eines Vertrauten von Sternwood an. In Buch und Film versucht ihn Sternwoods Tochter Vivian (Lauren Bacall) davon abzubringen, in dem sie auf ihre Schönheit setzt. Bei Chandler ist sie aber weniger erfolgreich: Marlowe gibt ihr am Ende drei Tage Zeit, um mit ihrer mörderischen Schwester zu verschwinden. Im Film indes ist die Beziehung zwischen Vivian und Marlowe deutlich ausgeprägter. Hier setzt Hawkes – vermutlich auf Druck des Studios – auf das Muster des ersten Bacall-Bogart-Erfolgsfilms „To Have and Have Not“ und baut zahlreiche spritzige Dialogwechsel zwischen Vivian und Marlowe ein. Dadurch durchzieht ihr Flirt den gesamten Film, und am Ende findet Marlowe einen anderen Schuldigen für den Mord und plant, mit Vivian glücklich zu werden.

    Dennoch behalten Bogarts Spade und Marlowe in beiden Filmen die Oberhand, sie verraten vielleicht einmal ihr Ethos, durchschauen aber das Spiel und können dem Abgrund ausweichen. Dabei wird Vivian in dem fünf Jahre später gedrehten Film zwar als femme fatale inszeniert – ihre Blicke, ihre Beine und ihr selbstbewusstes Auftreten werden geschickt eingefangen –, allerdings fehlt ihr eine wesentliche Eigenschaft: Sie handelt nicht aus egoistischen Motiven. Doch womöglich hat sie genau deshalb auch Erfolg.

 

Kontrolle dank Sex-Appeal

Brigid scheitert somit an dem Vorhaben, einen Mann zu einer Tat zu bewegen, Vivian handelt nicht für sich selbst. In den Büchern von James M. Cain sind die Frauen hingegen gefährlicher, manipulativer – und mörderischer, deshalb sind ihm mit Cora, Mildred Pierce (aus dem gleichnamigen Film) und Phyllis („Double Indemnity“) drei der prägendsten und gefährlichsten femmes fatales zu verdanken, von denen insbesondere letztere Maßstäbe gesetzt hat.

    „Double Indemnity“ erzählt die Geschichte von Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck) und dem Versicherungsvertreter Walter (Fred MacMurray), die gemeinsam einen Unfall inszenieren, um Phyllis‘ Ehemann aus dem Weg zu räumen und die doppelte Versicherungssumme zu kassieren. Dabei wird von dem ersten Auftritt in Billy Wilders Verfilmung an deutlich, dass Phyllis die Kontrolle hat. Walter (Fred MacMurray) betritt das Haus der Dietrichsons, oberhalb der Treppe erscheint Phyllis in einem Badehandtuch. Anfangs im Dunkel, tritt sie ins Licht und markiert das wachsende Interesse an Walter, zugleich blickt die Kamera von unten zu ihr herauf, so dass sie stets diejenige ist, die in dieser Sequenz die Oberhand hat. Sie bittet Walter ins Wohnzimmer, dort wartet er, während sie sich ankleidet. Sein Blick fällt auf die Treppe und erstarrt, es folgt ein Gegenschnitt und Phyllis Knöchel sind zu sehen, während sie die Treppe heruntergeht. Die Kamera bleibt an ihren Beinen, bis sie am Ende der Treppe ganz zu sehen ist.

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