In einem Land, in dem ein klares Nein die Harmonie stört, kontrolliert die Polizistin den drohenden Missbrauch, indem sie in die Kamera Ja sagt. Kirinos Polizistin passt nicht in die unter der Oberfläche immer noch stark patriarchische japanische Gesellschaft mit ihrem paradoxen Konzept einer Harmonie, das nur den Mächtigen nutzt. Miro ist Single, sie ist ungeeignet für das japanische Eheideal, das die Frau zur Hausfrau und willigen Gefolgsfrau des Mannes macht. Deswegen kann die Polizistin die Verhältnisse kritisieren, die Frauen zum Objekt degradieren. Die Femme fatale wird von ihr entzaubert als Konstrukt männlicher Phantasie. Die Rolle der Femme fatale ist aber gerade hier auch ein Weg, gegen die männerdominierte Welt zu rebellieren und durch Schönheit die Aufmerksamkeit zu bekommen, die im modernen Japan nur der bekommt, der aus einer der Elitenfamilien kommt oder der in der Konkurrenzgesellschaft der Beste ist. Die in der japanischen Elitensozialisation angelegte Entmenschlichung ist Kirinos Thema in vielen ihrer Krimis. Kawaii zu sein ist, was für Japans Femme fatale zählt. Selbst Frauen über 50 zwängen sich da schon mal in ultrakurze Röcke und rosa Blüschen, tragen lange künstliche Augenwimpern und kichern wie die Backfische. Der Lolita-Komplex japanischer Männer beschäftigt die sozialwissenschaftliche Forschung seit Jahren, auch das Phänomen der weit verbreiteten Schulmädchen-Prostitution, das in den 90er-Jahren die japanische Gesellschaft erregte und verstörte.

    Die Feministin Natsuo Kirino hat mit ihrem Kriminalroman „Grotesk“ an vier Frauen gezeigt, wie sie trotz großer Anstrengungen in der Schule, an der Universität oder im Beruf in den hierarchischen

    Strukturen des Landes nicht Fuß fassen können. Sie machen alles so, wie es ihnen gesagt wird. Und doch: oben bleiben die Männer. Drei Frauen im Roman flüchten in die Prostitution. Das ist – wie Lisette Gebhardt in ihrer Besprechung von „Grotesk“ geschrieben hat – eine Kompensationsstrategie für die Verachtung, die die japanischen Frauen im System erfahren. Machtlos üben die Frauen als Femme fatale Macht aus; sie können gleichzeitig ihre Verachtung zeigen und doch den Männern – über ihre Körper –  näherkommen.

    Da ist zum einen die 15jährige Yuriko Hirata. Sie ist bildschön. Schon früh lernt sie, ihre Schönheit einzusetzen. Im Grunde ihres Herzens verachtet sie die Männer. Doch sie ist schon bald bereit, jedes Tabu zu brechen, um ihre Macht über Männer auszuspielen. Sie lässt sich von einem Mitschüler verkaufen, wird Luxusmodell. Das funktioniert – bis sie älter wird.

    „Am Anfang war ich Modell … Manche würden sagen, ich war ein exklusives Callgirl. Von da an wechselte ich in einen teuren Club, einen von der Sorte, die kein gewöhnlicher Salaryman betreten würde. Als ich anfing, Kleider mit immer tieferem Dekolleté zu tragen, ging es auch sonst immer tiefer nach unten, und die Etablissements, in denen ich arbeitete, wurden billiger und billiger. Heute bliebt mir nichts anderes mehr übrig, als in Clubs für Männer zu arbeiten, die eine fetischhafte Vorliebe für ,verheiratete Frauen’ und reifere Hostessen haben. Überdies habe ich inzwischen Mühe, mich auch nur billig zu verkaufen.“

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