Sie kletterten in den klapprigen Fiesta – die einzige Sorte Karre, die sich Leo seit der Scheidung von Brigitte noch leisten konnte.
    Dani fragte: „Kann ich nicht schon heute Abend bei dir bleiben?“
    Leo startete und kurbelte das Fenster nach unten. Auf halber Strecke klemmte die Scheibe. Im Radio lief Lady Marmalade, er schaltete es aus. „Großer Becher mit Schoko und Nuss?“, fragte er.
    „Korrekt.“
    Sie passierten ein letztes Mal den Bankenbau. Der Elfjährige winkte dem jungen Wachmann zu. Dann biss er sich auf die Lippe, als ginge ihm eine Frage durch den Kopf, die er besser nicht stellen sollte.
    Auf dem Weg zur Eisdiele warf Leo immer wieder einen Blick in den Rückspiegel. Er beschloss, sein Vorhaben wegen des dunklen BMW hinter ihnen nicht zu ändern. Jetzt hat Brigitte mir also schon einen Detektiv auf den Hals gehetzt, dachte Leo. Als würde seine Ex etwas ahnen. Den Jungen machte er nicht auf den Verfolger aufmerksam – der Kurze war schon nervös genug.

Wachtendonk betrat das Büro und warf Papierkram in den Eingangskorb. „Urlaubssperre ab dem 17. Dezember“, stöhnte er, Zwiebelgeruch verbreitend. „Bis Ende Januar. Und ich wollte mit Mutti nach Fuerte. Die neue Währung ist ’ne einzige Katastrophe!“
    Leo brummte zustimmend. Er wartete, bis der Kollege wieder draußen war, dann schnappte er sich den obersten Schnellhefter. Der Gedanke an Weihnachtsurlaub ließ ihn kalt. In dieser Behörde hatte er nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, deren Tage gezählt waren. Bis vor gut einem Jahr war Leo die Nummer eins des Spezialeinsatzkommandos gewesen – keiner der Büroheinis, mit denen er jetzt zu tun hatte, konnte sich einen Begriff davon machen, was das bedeutete: vom Hubschrauber abseilen, Gebäude stürmen und Gewalttäter überwältigen, Geiseln befreien. Die Kastanien aus dem Feuer holen. Der Adrenalinkick, der sein Leben bestimmt hatte.
    Als das Zittern begann, versetzten sie Leo zur Kriminalwache. Als es schlimmer wurde, steckten sie ihn in die Verwaltung zu Sesselfurzern wie Wachtendonk, der wahrscheinlich nicht einmal einen einzigen Klimmzug schaffte. Die Behörde bildete sich etwas darauf ein, ihren sechsunddreißigjährigen Parkinsonfall nicht in die Pension abzuschieben. Wie gnädig – von den Bezügen, die ihm zustünden, hätte Leo niemals leben können. Nicht bei dieser Krankheit. Nicht bei seiner gefräßigen Ex.
    Seit einem halben Jahr saß Leo am Schreibtisch im dritten Stock der Festung, in einem Dienstzimmer mit Blick auf die Oberfinanzdirektion, das er mit Wachtendonk teilte. Leo passte sich nur scheinbar an. Er vertrieb sich die Tage damit, in Zeitschriften über Heilmethoden zu schmökern, die in Deutschland verboten waren, weil Stammzellen von Embryonen dafür nötig waren. Er knüpfte Kontakte und tüftelte Pläne aus, die er prüfte und wieder verwarf.
    Was ihn am Leben hielt, war Danis Stolz auf seinen Vater. Für den Kurzen war Leo noch immer Elitepolizist.

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