Sie versucht vielmehr, für die Welt zu verschwinden, doch die Welt lässt sie nicht: Ein paar Jahre später holt die Vergangenheit sie ein. Till – inzwischen ist aus dem Anarchisten ein karriereorientierter Konformist geworden – wird zerfleischt im Bonobogehege der Wilhelma gefunden.
    Aufgrund von Indizien wird Camilla schließlich dank der investigativen Arbeit einer Journalistin verhaftet.
    Nun ist sie diejenige, die unter künstlich geschaffenen Bedingungen in ihren Interaktionen mit anderen von außen beobachtet und studiert wird. Der Zoo ist letztendlich nicht weniger ein Gefängnis als das Gefängnis ein Zoo.
    In ihrer gläsernen Zelle fängt Camilla an zu schreiben. Ihre Verteidigungsschrift gerät zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, während sie verzweifelt versucht, etwas zu finden, das ihre Unschuld beweisen kann. Parallel dazu wird sie in ihrem „Haftbuch“ zur Chronistin der Tristesse des Gefängnisalltags. Sie dokumentiert die fehlende Privatsphäre beim Waschen und Verrichten der Notdurft, Kontrollverlust und verzweifelte Versuche des akzeptierten Aufbegehrens gegen die Enge des Daseins. Das Schreiben wird zum Akt der Selbstbefreiung.
    Dass sie ausgerechnet mit ihrer leiblichen Mutter, die wegen mehrfachen Kindesmords einsitzt und sich ebenfalls als unschuldig erweist, eine Zelle teilt, ist vielleicht etwas zu konstruiert, ermöglicht Camilla aber letztendlich den Neuanfang.

Lange Schatten: Freiheit und Verstümmelung

Am Ende versuchen sowohl Philip Carter als auch Camilla Feh das durch das System erlittene Unrecht eigenhändig zu korrigieren. Sie allerdings bekommt immer wieder wirkungsvolle Unterstützung und Hilfe von außen und schlägt einen sozial mehr als akzeptierten Weg ein; bei ihm scheitern sämtliche Versuche, seine Unschuld zu beweisen, sodass er letztendlich zum Verbrecher wird.
    Camilla Feh gelingt es ausgerechnet im Gefängnis, ihre biografischen Leerstellen zu schließen: Sie begegnet ihrer leibliche Mutter, erfährt in der Auseinandersetzung die tatsächliche Geschichte der vermeintlichen Kindsmörderin aus erster Hand und kann ihr lebenslanges Trauma endlich abschütteln. Die Gefangenschaft schenkt ihr die Freiheit und wird zum eigentlichen Startschuss in ein selbstbestimmtes Leben.
    Patricia Highsmith zeichnet demgegenüber ein durchweg düsteres Bild. Ob ihr Antiheld angesichts seiner Vergangenheit und der nicht nur körperlichen, sondern auch seelisch-emotionalen Verstümmelung tatsächlich ein neues Leben beginnen kann, wie das weiße Hemd suggeriert, das Hazel ihm am Ende reicht, bleibt zumindest fraglich.

    Michaela Hövermann © 04/2014

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