Die arabische Welt ist voll von solchen Vorkommnissen. Vielleicht liegt es schon an den Rahmenbedingungen. Gefängnisse in Nordafrika sind noch viel weniger ein Ort des Vergnügens als im Rest der Welt. Oft stickig, überfüllt und nach eigenen Gesetzen regiert. Viele Gebäude sind aus handgeschlagenen Quadern gemauert und stammen aus der jeweiligen Kolonialzeit, sind also oft noch imperialer britischer, französischer oder wie in Libyen italienischer Bauart. Carlotto hätte das vielleicht wiedererkannt. Und die islamistischsten Gruppierungen unter den Insassen sind mitunter die stärksten und herrschen über den Rest, ohne dass die Wächter einschreiten. Sie könnten ja die „Herren von morgen“ vor sich sehen. Die kurze Regierungszeit der Muslimbrüder in Ägypten jedenfalls war von Netzwerken geprägt, die sich aus der Haft kannten. In diesem Sinne sind die Gefängnisse Arabiens ein furchtbarer Ort, aber eben auch ein Ort, an dem die jeweils „herrschende Klasse“ beständig an ihre Gegner und an ihr eigenes, drohendes Ende erinnert wird. Die Frage, wer auf welcher Seite der Gittertür steht, ist immer nur temporär beantwortet.
    Aber die Zellen und Kellerlöcher erfüllen noch eine zweite Funktion. Die arabische Straße lebt vom Leiden an den Gefangenen und von ihren Geschichten. Es geht – so schlimm die Einzelschicksale auch sind – fast immer um das Narrativ hinter der Haft. Um das Warum und das oft sehr politische Wozu. Geiselnahmen von westlichen Ausländern im Beirut der 80er Jahre haben eine ebenso traurige Geschichte wie das jahrelange Martyrium von Gilad Schalid in den Händen der Hamas oder aktuell die in Syrien festgehaltenen Journalisten. Und umgekehrt beschäftigt das kollektive Schicksal der palästinensischen Häftlinge in israelischer Administrativhaft nicht nur die Menschen in Nablus und Tulkarem, sondern es ist auch in algerischen Tageszeitungen und in den Gassen der Dahiye ein Thema. Ganz zu schweigen von den Bloggern, Poeten und Journalisten, die in Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain oder anderen Orten einsitzen. Die tragischen Geschichten, die erst im Moment der Haft beginnen, wirken hier identitätsstiftend oder waren Kristallisationspunkte für den Arabischen Frühling.
    Im Fall Carlotto war es vielleicht sogar ähnlich. Auch er selbst wurde – bei aller menschlichen Dramatik – erst durch seine Haft zu einer Figur der Zeitgeschichte, um welche sich internationale Unterstützungskommittees und Menschenrechtsaktivisten scharen. Sie lässt heute den Fall Carlotto als abschreckendes Beispiel „gegen sich selbst“ unterrichten. Wer hat also wen resozialisiert? Manchmal genügt ein Blick ins Buch. Oscar Luigi Scalfaro hat Carlotto im Jahr 1993 begnadigt und mit präsidentieller Größe den förmlichen Rahmen der Justiz gesprengt.

Jörg Walendy © 04/2014

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