Der skandinavische Krimi ist erfolgreich, weil Mankell mit seinem Satz die Sehnsüchte vieler deutscher Leser viel stärker trifft als jeder amerikanische Thrillerautor oder lateinamerikanische Kriminalroman, obwohl Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft dort oft viel härter, viel unbarmherziger ist – und eben nicht politisch korrekt weichgespült. Die Zahlen sprechen für sich. Rund 150 skandinavische Krimiautoren sind auf dem deutschen Markt präsent. Bestsellerautoren wie Arne Dahl, Hakan Nesser oder Ake Edwardson aus Schweden, Autorinnen wie Anne Holt und Karin Fossum aus Norwegen oder der dänische Bestseller-Autor Jussi Adler-Olsen haben ihre große Fan-Gemeinde. Die hohen Stapel, in denen jeder neue Titel dieser Autoren in den Buchhandlungen zwischen Flensburg und Passau ausliegt, zeigen, dass cleveres Marketing und zielgenaues Bedienen des deutschen Publikumsgeschmacks funktionieren.

 

Doch wer vom skandinavischen Krimi spricht, der kommt an den beiden Urahnen Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrem Kommissar Martin Beck nicht vorbei. Bis zu ihnen waren auch die schwedischen Krimninalromane eher biedere Kopien von Agatha Christie, die die alte, bürgerliche Welt widerspiegelten. Meistens stand ein privater Ermittler im Zentrum der Romane, selten nur ein Polizst. Das Autorengespann aus Schweden hatte die Polizeiromane von Ed McBain übersetzt, bevor sie selbst zu schreiben begannen. Von McBain übernahmen sie die Idee, einen Polizisten in den Mittelpunkt ihrer Krimis zu stellen.

 

"Meinem Mann und mir ging es vor allem darum, die Verbrechensaufklärung endlich einmal realistisch zu beschreiben", sagte Maj Sjöwall vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Bücher-Magazin.

 

Tatsächlich sind die Milieustudien skandinavischer Kriminalromane oft sehr realistisch. Ob Regierungsskandale, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, ob Menschenhandel, Zwangsprostitution oder gieriges Profitstreben – Gut und Böse sind klar zu trennen und oft mit brutaler Offenheit geschildert.

 

Und die Wurzel des Bösen ist stets die Ordnung des Kapitalismus. Das ist neben der Einführung des Polizisten als Hauptfigur des schwedischen Kriminalromans die zweite Neuerung des Paares: Die zehn Bände mit Ermittler Martin Beck, die zwischen 1965 und 1975 erschienen, sind bis heute für viele d e r Maßstab für den gesellschaftskritischen Kriminalroman. Der deutsche "Soziokrimi", der sich nach 1968 entwickelte, erhielt seine Anregungen aus Schweden.

 

Kapitalismuskritik gehört dazu; der egoistische, konsumorientierte Individualismus, der das Volksheim Schweden bedroht, staatliche Gewalt und Korruption, Rassismus – alles das haben Sjöwall/Wahlöö in ihren Romanen vorweggenommen. Mankell hat das später mit seinen Büchern nur wiederentdeckt, er hat das Feld international erfolgreich neu bestellt. Stieg Larsson hat es schließlich mit seiner Milleniums-Trilogie zugespitzt und den Schwedenkrimi global endgültig wettbewerbsfähig gemacht. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus war schon als Journalist Larssons Thema gewesen, als Krimiautor weitete er ihn aus zur Krimi-Unterhaltung auf hohem Niveau. Nur: Den Kriminalroman revolutioniert oder Innovatives hervorgebracht haben diese Epigonen des Schwedenkrimis nicht.

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