Viktor Arolsen, ein älterer grauhaariger Gentleman (gab's damals noch, ja) mit scharfen Bügelfalten und scharfkantiger Nase, leitete die Parteiabteilung, deren umtriebig zappelnde Seele Werner Wimmer die Wildsau war. Der Parteitag rückte näher, und Wimmer hatte wirklich alle Papiere mitgenommen, die zur Vorbereitung der diversen Leit-, Lenk- und Umleitanträge nötig waren. Da Arolsen aber seinen »Puppenheimer« kannte, begnügte er sich anfangs mit täglichen Telefonversuchen. Als Werner Wildsau, mutmaßlich irgendwo wild sauend, auch am Donnerstag nirgendwo aufzutreiben war, machte sich allmählich Nervosität breit. Der Freitag kam, dann das Wochenende, und noch immer kein Wimmer.

    Am Montag, als die Wildsau eine ganze Woche überfällig war, trommelte Arolsen die wichtigsten Leute seines Stabs zusammen. »Was haben wir?« sagte er.

    Peterich, ein nervöser Nachwuchsaktivist Ende zwanzig, fuhr sich durch das schon arg dünne Haar. »Nichts. Wimmer hat alle Papiere – seit Freitag voriger Woche. Und er ist futsch. Das ist alles, was wir haben.«

    Arolsen blickte zu Jupp, den er als kluger Mann mit zugezogen hatte. »Und Sie?«

    Jupp zuckte mit den Schultern. »Hab ich Ihn doch schon jesacht, Herr Arolsen. Ich hab den janzen Kram mit ihm verpack un rüberjefahren. Ich jlaub, ich würd sehn, wenn irjendwat Größeres fehlen tut – aber wat dat alles war?«

    »Wir haben noch was«, sagte Frau Wronski halblaut.

    »Ja, bitte?« Arolsen kniff die Brauen zusammen. Maria Wronski war eigentlich seine Sekretärin, hatte aber auch für Wimmer gearbeitet. Und mit ihm zeitweilig eine Art Verhältnis unterhalten – wie die andere Sekretärin des Stabs, Irmgard Frantz. Und wie alle wussten.

    »An dem Freitag«, sagte Frau Wronski, ohne jemanden anzuschauen, »da hat er morgens mit einer Tus-, einer Frau irgendwo telefoniert und sich für Sonntag mit ihr verabredet. Letzten Montag, also einen Tag nach der Verabredung, hat eine, ah, Dame angerufen und nach ihm gefragt. Ich hab den Namen nicht verstanden. Es klang wie ein Ferngespräch, und sie hat dann auch sehr schnell aufgelegt.«

    Arolsen blickte von einer Sekretärin zur anderen. »Klingt, als ob er die Verabredung nicht eingehalten hätte, wie?«

    »Ich hab mich auch schon gewundert«, sagte Frau Wronski spitz. »Die Ammann, hat er immer gesagt, die wär da sehr streng.«

    »Soll heißen?«

    Frau Frantz kicherte; sie wechselte einen schnellen Blick mit Frau Wronski; beide zwinkerten. »Seit er mit der liiert ist, hat er nicht mehr so viel … rumgesaut wie früher. Die muß ihm die Hölle heiß gemacht haben.«

    »Und das Bett«, sagte Droysen. Er hüstelte. Nach Arolsen war er der Älteste und kannte die Parteimaschine und alle Rädchen seit langem. Er nuckelte an seinem schwarzen Zigarillo und betrachtete die Damen. Mit seinen gesenkten Lidern sah er immer aus, als ob er schliefe, aber seine Stimme war hellwach. »Diese Sache mit Verabredung und Anruf – war das vielleicht Frau Isolde?«

    »Wer bitte?« sagte Arolsen, und die Damen sagten gleichzeitig: »Hah!«

    Droysen wandte sich an seinen Chef und nannte den vollständigen Namen einer beinahe prominenten Politikerin, die einer der anderen Parteizentralen angehörte.

    Arolsen rümpfte die Nase. »Schläft mit dem Feind, was? Wussten Sie beide das?«

    Frau Frantz nickte; Frau Wronski sagte: »Njjjaaa, aber wir haben nicht gewusst, dass es außer uns noch einer weiß. Und – nein, das war nicht die Frau am Telefon.«

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