Jupp redete gerade von einigen besonders pittoresken Selbstmorden in seiner weiteren Bekanntschaft; er unterbrach sich, starrte auf die Kastanien und sagte:

    »Wat soll dat?«

    »Esskastanien«, sagte ich. »Maronen, wenn's beliebt. Aus den Cevennen. Haben mir grad Bekannte mitgebracht, aus Südfrankreich. Is was?«

    Er hob die Schultern. »Esskastanien«, knurrte er. »Aber bitte kein Püree.«

    »Warum? Zu magenfreundlich?«

    Er machte eine wischende Handbewegung. »Wo warste einklich vor, eh, zwei Wochen? Hab ich dich mal angerufen, war aber nix.«

    »Zwei Wochen? Ich glaub, da hatt ich in Göttingen zu tun.«

    Jupp warf den Stummel in den Kamin. »War'n Montach.«

    »Da war ich auf dem Rückweg. Ich hab in Arolsen übernachtet und dann querbeet weiter Richtung Olpe.«

    »Arolsen.« Jupp kicherte schrill. »Esskastanien un Arolsen. Ojottojottojott.«

    »Komm zu dir, Gevatter.«

    Jupp verdrehte die Augen. »Is schon jut, Jung. Macht alles nix.« Er kicherte noch einmal. »Fällt mir bloß jetz alles wieder ein.«

    »Was? Esskastanien aus Arolsen?«

    Jupp nickte feierlich und ließ mich unheilige Eide schwören, nichts mit der Geschichte anzufangen, bis Gras über ihn gewachsen sein würde.

    Ich schwor und lauschte. Es war eine Geschichte aus Bonn, aus den frühen Siebzigern; Jupp war damals Mitte fünfzig und arbeitete als Fahrer, Gärtner, Mädchen für alles und Seele vons Janze für eine der Bonner Parteizentralen, wo man sich die politische Willensbildung des Volkes unter den Nagel gerissen hat.

    »Von wejen Arolsen. Un Ätzkatztanien. Bäääh. Also pass auf. Dat war irnkwie kurz vor ner Wahl oder nem Pateitach oder so; jenau weiß ich et nit mehr. Damals hatten die ja all schon Kopierer, war aber noch nix mit Kompijuter wie heut, wo die alles jespeichert ham und du brauchs bloß enen Knopp drücken un dann haste alles. Nee, war noch viel Papierzeuch. Un der Typ, der wo alles für'n Pateitach vorbereit, der heiß Werner Wimmer, jenannt ›Die Wildsau‹, wegen wie er sich über Frauen hermachen tut, un so. Hat im Lauf von die Jahre, wo ich mit dabei war, mit mindestens de Hälfte Sekretärinnen un andere Mitarbeiterinnen von denen da wat jehabt.«

    »Welche Partei war das noch mal?«

    Jupp schloß die Augen und manschte im Gekröse eines Rebhuhns herum. »Is doch ejal, Jung. Kannze doch austauschen. Wenn et nit jrad um wat Besonderes jeht – damals Ostpolitik oder so wat –, dann sin die doch all jleich. Also, Werner Wildsau. Der Wimmer, der hat – eh, du weiß ja, wat die Minister machen, dat is all kalter Kaffee. Unfuuch. Dat, wo et wirklich drum jeht, dat machen die kleinen Scharschen vonner Partei vorher. Einer sach hü, der andere hott, der dritte hoppla, un Werner Wimmer die Wildsau is immer dabei un schreip mit un macht Jedächnisprotoknöllchen un sammelt Aufsätz un so. Hat auch alles, wat die Oberen so zu dem un jenem zu kamellen jehabt ham.«

    »Also, Werner Wildsau hat als Einziger den großen Durchblick?«

    »Just. Alles. So, un dat nimp der jetz all übern Wochenend mit nahaus, von wejen durchkucken un zusammenstellen. Mann, dat war vielleich en Haufen. Ich hab ihm geholfen dabei, weil er dat jaanit all in sein Waaren kritt. Zwei Autos voll – Akten un Tonbänder un Kassetten un Schtenojramme un Zettel un Durchschlääje un überhaup. Freitach nammittach ham wer dat verpack un sin zu ihm nahaus. Un – tja, un dann nix mehr.«

    Jupp hielt irgendein Rebhuhnteil hoch, musterte es, warf es in den Gekröse-Eimer und zeigte mir die leere Hand.

    »Wie, nix?«

    »Nix Wildsau. Am Montach isser nich inne Patei, un zuhaus isser aber auch nit. Die ham rumtefloniert – nix. Einfach wech. Jetz würd ich den ja vermiß melden tun, bloß, die Wildsau is immer zwischendurch mal abgehauen, irjendwo wild rumsauen.«

    Jupp holte Luft und berichtete von einer besonders schäbigen Affäre, bei der irgendwo in einem Provinznest (ich glaube, es war Frankfurt) ein unbescholten Mägdelein wegen Werner Wildsau ins Wasser hatte gehen wollen.

    »Uuuh«, sagte ich. »In den Main? Der ist doch nicht trinkbar.«

    Jupp grinste mühsam; dann begann er, in seiner Hütte umherzuwandern und Därme zu spülen; dabei erzählte er in wüsten Abschweifungen vom Privat- und Geschlechtsleben nahezu aller wesentlichen Parteigrößen jener fernen Tage. Schließlich begann er mit dem Fleischwolf zu fummeln, und ich verschanzte mich endgültig hinter Kaffee und Calvados, am anderen Ende des Raums, und versuchte in zunehmender Verzweiflung, ihn durch Fragen, Nachfragen und Herumfragen wieder auf die Arolsen-und-Esskastanien-Geschichte zurückzubringen. Es war harte Arbeit.

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