Bosetzky versucht zwar, das Böse zu verstehen. Doch die Konfrontation der Gesellschaft mit dem Verbrecher stellt er – dabei ganz der Vorlage aus der NS-Zeit folgend – nicht her. Dabei hätte dieses künstlerische Experiment seinem antifaschistischen Anspruch eher helfen als ihm schaden können – gerade weil es nicht belehrt, sondern auch „das Böse“ der Polizei in der NS-Diktatur über eine spannende Erzählung zeigt.

„Der Sexualstraftäter bleibt trotz aller biographischen und psychoanalytischen Deutungsversuche das titelgebende, triebbestimmte ,Tier’, dem der Autor ,Hass’ entgegenbringt. So kann sich auch die Polizei als Schutz- und Ordnungsmacht profilieren, auf die vor allem schwache Frauen angewiesen sind“, kritisiert deswegen auch Achim Saupe in seiner Studie „Der Historiker als Detektiv – der Detektiv als Historiker. Historik, Kriminalistik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman“, dass Bosetzky am Ende doch Ihde mit auf den Leim gegangen ist.

Die Idee stammte von Goebbels

Auch bei -ky zeigt sich die Kriminalpolizei als effiziente Ordnungsmacht, mit Nazis in ihren Reihen, aber eben auch mit vielen Spezialisten, die sich bemühen, auch unter der Diktatur anständig zu bleiben. Das ist die Botschaft, die sich Propagandaminister Joseph Goebbels von Ihde erhoffte. Nach dem Urteil gegen Ogorzow schrieb Goebbels einen Brief an Heinrich Himmler, der damals auch Chef der Deutschen Polizei war.  Goebbels schlug eine Reihe von Kriminalromanen vor, in denen der Erfolg der Kriminalpolizei das Vertrauen der Bevölkerung in das Regime stärken sollte. Das Lob der klassischen Polizeiarbeit könnte dabei gleichzeitig ablenken von den totalitären Strukturen des NS-Staates. Der Chef der deutschen Kriminalpolizei, Arthur Nebe, stimmte zu. Er selbst las leidenschaftlich gern Krimis und hoffte, mit den „neuzeitlichen“ Nazi-Krimis seine Organisation gut aussehen zu lassen und im internen Machtkampf  in Berlin an politischem Gewicht zu gewinnen. -ky erwähnt die Verbrechen der Nazis zwar immer wieder auf die bewährte volkspädagogisch wertvolle Art; er schafft es aber nicht, in seiner Erzählung des Kriminalfalls das von Goebbels und Ihde entworfene Bild der Kripo zu brechen.

Populärpsychologisch erweitert -ky das Abgründige, das im Menschen steckt, mit der schlichten Behauptung, dass in jedem deutschen Mann in der nationalsozialistischen Diktatur nach 1933 die Hitlers, die Himmlers, die Heydrichs und die Ogorzows stecken.  „Wer zerschlägt die Männerbünde und rottet sie aus: ihr Denken, ein Denken, für das Ogorzow steht?“, lässt  der Autor -ky Grete Behrens, die Heldin seines Romans, am Ende fragen. Grete, eine Kriminalpolizistin mit aufrechter Gesinnung, deren Bruder im KZ sitzt, wusste die Antwort und träumte beim Gedanken an Ogorzow von einer Zeit danach.

„Ich hasse diesen Mann, weil ich – um aller Frauen wegen, um die ich Angst habe – Menschen wie ihn aus der Welt haben möchte. Zugleich erschrecke ich vor mir selber, weil dieses Denken ganz sicher faschistoid zu nennen ist, auch auf physische Eliminierung gerichtet ist“, schreibt Bosetzky über seine eigenen Empfindungen in seinem Nachwort. Vielleicht löst er sich auch deswegen trotz seiner Populärpsychologie und der Diktion pädagogischer Lehrbücher über die NS-Zeit im Roman nicht aus dem Schatten der von der Reichsschrifttumskammer abgesegneten Vorlage, die er fast ein halbes Jahrhundert vorher gelesen hat.  „Damit löst sich das Verstehen der Vergangenheit im verzweifelten Wunsch nach seiner Eliminierung auf“, stellt Saupe in seiner Analyse des Romans fest. Für den Umgang mit den dunkelsten 12 Jahren deutscher Geschichte in der alten Bundesrepublik dürfte Bosetzkys Herangehensweise bis heute eher die Regel als die Ausnahme sein. Auch deswegen bleibt der Roman – frei nach Nusser – im Urteil der Rezensenten und der Öffentlichkeit wohl weiter eines von -kys besten Büchern.

Carsten Germis © 03/2016

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