Authentisches aus dem Nazi-Krimi

Bosetzky bekennt offen, vieles aus dem Buch in seinem Roman nahezu originalgetreu verarbeitet zu haben – „um absolut authentisch zu sein und die Sprache wie den Geist der deutschen Kriminalpolizei der Jahre 1940/41 wiederzugeben“, schreibt er in seinem Nachwort zur Begründung. Dort erwähnt er auch beiläufig, dass sich hinter dem Pseudonym Axel Alt in Wahrheit der Schriftsteller Wilhelm Ihde verbirgt. Nur – wer dieser Wilhelm Ihde war, welche wichtige Rolle er im Propagandaapparat der Nazis spielte, das schreibt der Herr Professor nicht.  Warum nicht? Wie wichtig „Der Tod fuhr im Zug“ für die Kulturideologen des NS-Staats in dieser Zeit gewesen ist, das zeigt die Tatsache, dass Wilhelm Ihde kein anderer war als der Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer in Berlin. Näher an Propagandaminister Joseph Goebbels ging es kaum. In Alts (Ihdes) Krimi, der in der Reihe „Neuzeitliche Kriminalromane“ erschienen ist,  wollten die Nazis zeigen, dass sie der dominierenden anglo-amerikanischen Kriminalliteratur und ihren „unechten Darstellungen“ deutsche Krimis entgegensetzen können, in denen sich Goebbels’ Forderungen nach Unterhaltung, Dokumentarismus und nationalsozialistischer Weltanschauung verbinden.

Warum erwähnt Bosetzky das in seinem ausführlichen Nachwort zu „Wie ein Tier“ nicht? Der Soziologe hat schließlich immer wieder die alte Bundesrepublik in der Kontinuität des Faschismus gesehen und damit lange Zeit einen Topos bedient, der vor allem von der DDR und ihrer Staatssicherheit bedient wurde. Und wie weit geht der linke, antifaschistische Nachkriegsprofessor aus Berlin dem nationalsozialistischen Ideologen möglicherweise auf den Leim? Natürlich übernimmt -ky nicht den Ansatz Ihdes: „So wie wir den Kriminalroman sehen, ist uns nicht gelegen an der Person des Verbrechers, wohl aber wollen wir wissen von der Gemeingefährlichkeit seiner Taten,  und wir wollen erfahren, was die tun, die solche verbrecherischen Angriffe auf die Gemeinschaft von Berufs wegen zu verhüten und aufzuklären haben“, schreibt Alt (Ihde) in seinen Vorbemerkungen 1944.

Politisch korrekt

Bosetzky – der natürlich auch im historischen Krimi politisch korrekt schreibt – lässt selbstredend in keiner Zeile Zweifel am eigenen Antifaschismus und am antifaschistischen Anspruch seines Doku-Krimis. Der Frauenmörder, der die Verdunkelung Berlins wegen der alliierten Bombenangriffe für seine Verbrechen nutzt, gehört für -ky in eine Reihe mit den nationalsozialistischen Massenmördern Hitler, Himmler und Heydrich.  In dem Krimi erscheine der Frauenmörder als „Vollstrecker des faschistischen Zeitgeists“, schreibt Nusser. Ogorzow ist für Bosetzky „ein Mensch mit einer bestimmten genetischen und sozialisationsbedingten ,Programmierung’“, der „in ein Milieu und eine Zeit (gerät), den nationalsozialistischen Mörderstaat und die Verdunkelung Berlins, die seine Taten in ihrer einmaligen Konstellation nicht nur ermöglichen, sondern regelrecht provozieren“.

Eine Schwäche des Buches ist, dass -ky es auch in diesem 1995 erstmals erschienen dokumentarischen Kriminalroman einfach nicht lassen kann, immer wieder den politisch korrekten Zeigefinger zu heben, der dem Leser ein eigenes Nachdenken nicht zutraut. Auch das führt – neben einer bisweilen zum Kitsch neigenden Sprache –  dazu, dass so leider gerade die Szenen in -kys Roman immer dann besonders stark sind, wenn er bei der Beschreibung der Ermittlungsarbeit der Kriminalisten Ihde kopiert und ergänzt. Spannungsliteratur eben, die -ky  pädagogisch um ein paar politisch korrekte Einträge ergänzt. Vor allem aber schafft es der Autor nicht, seine Deutung des Frauenmörders vom Modell und von der Vorlage aus der NS-Zeit zu lösen. Das Täterprofil bleibt auch bei ihm ambivalent. Ogorzow ist ein „Tiger“, der hinter der „Hecke“ auf Frauen lauert. Anders als im Roman von Alt/Ihde entwickelt -ky den Täter auch  psychologisch – indem er ihm im Roman eine eigene Stimme sichert. Doch die Konfrontation zwischen Ermittlern und Täter, die Klarheit und Verständnis in die Tat und für den Täter bringen könnte, wagt auch er nicht.

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