Fiktive, künstliche Welten muss -ky wie in seinen ersten Krimis auch in seinen historischen Romanen schaffen. Die orientieren sich – wie die Berlin-Krimis im Jaron Verlag – oft an wahren Begebenheiten und erfinden frei ihre Kriminalgeschichten darum herum. Oder sie sind – wie Bosetzkys „Doku-Krimi aus dem Berlin der Hitlerzeit“ –  mit dem Titel „Wie ein Tier“ nahe an der Wirklichkeit. In diesem Buch geht es um einen Frauenmörder, der die Reichshauptstadt 1940 in Atem hielt.  Seine Opfer suchte er auf der S-Bahnstrecke nach Karlshorst und in einer an dieser Strecke gelegenen Laubenkolonie. Für Peter Nusser, dessen literaturwissenschaftliche Studie über den Kriminalroman immerhin als Standardwerk über das Genre gelten darf, ist dieser Doku-Krimi Bosetzkys eines der besten Bücher seines akademischen Kollegen. Im historischen Krimi, so scheint es, hat -ky seinen Weg gefunden.

-kys bester Roman der 90er-Jahre

„In seinem vielleicht besten Roman der 1990er Jahre, in 'Wie ein Tier. Der S-Bahn-Mörder' (1997), hat -ky die Psyche, eines viele Berliner um 1940 in Panik versetzenden Frauenmörders, so geschildert, dass dieser in seiner Selbstsicherheit und Kaltblütigkeit fast wie ein Vollstrecker des faschistischen Zeitgeists erscheint“, lobt  Nusser Autor und Buch.  Auch Bosetzky sagt über diesen Krimi: „Alles in allem ist das Ganze, von den Interviews bis zur Benutzung der Quellen, durchaus eine wissenschaftliche Arbeit.“ Natürlich ist sie das nicht, auch wenn -ky sein Bekenntnis gewiss nicht ironisch gemeint hat und glaubt, was er schreibt. Richtig ist, dass Bosetzky in seinem historischen Kriminalroman seitenweise aus Originaldokumenten zitiert – Vernehmungen durch die Polizei, das Gerichtsurteil gegen den Mörder. Die Zeit fängt -ky außerdem ein, indem er – recht trocken – ein paar allgemeine Informationen gibt. Zum Beispiel so:

„Der 1. Juli 1941, ein Dienstag, brach an. Der Führer hatte sich am Vortage in das ostpreußischen Hauptquartier Wolfsschanze begeben, 14 km von Rastenburg entfernt und nicht weit weg von Sensburg, Nikolaiken, dem Ixt-See und Muntowen.“

Aus Muntowen, das weiß der aufmerksame Leser des Krimis bereits, stammt der Frauenmörder Paul Ogorzow. Ein Polizeikrimi, der während der Jahre der nationalistischen Diktatur spielt. Wie geht -ky damit um? Wie rettet der Schriftsteller seinen Doku-Krimi vor der Gefahr, nur die Polizeisicht dieser dunklen Zeit widerzuspiegeln?

Worum geht es in dem Roman?  Es geht um den authentischen Fall eines Mannes namens Paul Ogorzow, der als Berliner S-Bahn-Mörder in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen ist. Ogorzow begann mit seinen Verbrechen 1938, als er erstmals Frauen in einer Laubenkolonie nahe des Betriebsgeländes Rummelsburg auf der S-Bahn-Linie nach Karlshorst und Köpenick sexuell belästigte. 1939 folgten die ersten Mordversuche, am 4. Oktober 1940 mordete Ogorzow erstmals. Nach seinem achten Mord am 3. Juli 1941 wurde der Reichsbahnmitarbeiter und  SA-Mann überführt und kurz darauf in Plötzensee hingerichtet.

Bosetzky berichtet in einem Nachwort zu seinem Krimi, dieser Fall habe ihn – er ist 1938 geboren worden – von Kindheit an interessiert. Wie das? Lange vor Bosetzky hat ein Autor unter dem Namen Axel Alt den Fall unter dem Titel „Der Tod fuhr im Zug“ zum Stoff eines Kriminalromans gemacht. Trotz der Papierknappheit erschien er in der Reihe „Neuzeitliche Kriminalromane“ 1944 im Berliner Verlag Hermann Hilger in großer Auflage. Jedes Mal, wenn er während der Schulferien bei der Oma gewesen sei, habe er „Der Tod fuhr im Zug“ aus dem Giftschrank entwendet und heimlich verschlungen, schreibt Bosetzky: „Durch ihn bin ich zum ("Kriminal-")Schriftsteller geworden.“

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