Wobei wir schnell bei der alternate history sein können. Oder beim „what if“: Klassiker galore auch da – von Len Deightons „SS/GB“ führt ein direkter Weg zur „Inspector-Carmichael-Trilogie“ von Jo Walton oder zu anderen Verwürfelungen der historischen Kontinuitäten, besonders bei Wu Mings „54“ oder Michael Chabons „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ und dessen blueprint, dem „Quinsigamond Quintet“ des bei uns sträflich unbekannten Jack O´Connell. Ob die durchlässigen Zeitebenen zwischen dem Hier und Heute und älteren Geschichtsperioden in Carsten Strouds „Niceville“-Trilogie als offengelegtes Verfahren einer möglichen „anderen Geschichte“ zu deuten sind, könnte man an dieser Stelle durchaus überlegen.

Aber es soll ja um die angebliche Konjunktur für Krimis mit leicht historischem Setting gehen und was deren Funktion sein könnte. Plausibel erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass sich der Erfolg von Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ aus der Kombination von Regionalität und dem Faszinosum „düsterer Zeiten“ herleitet, plausibel auch Robert Hültners Kajetan-Romane, die die Zeit um die Münchner Räterepublik in den Fokus rückt, als Beispiel eines weithin vergessenen Entwurfs, die deutsche Geschichte anders zu formatieren, als Echo auf eine kurzlebige Utopie (oder Dystopie, je nachdem). Bei Volker Kutschers Romanen aus den 1920ern plus wird’s schon schwieriger. Sie behandeln eine weidlich „auserzählte“ Epoche der deutschen Geschichte (auserzählt nicht nur in kriminalliterarischen, sondern in allen möglichen Narrativen, darunter sehr schwerkalibrige und, im Gesamten gesehen, sehr polyphone Entwürfe der deutschen Moderne in allen Künsten) und benutzen das, was man, wenn nicht aus eigener Lektüre, so doch aus Wikipedia kennen könnte, als Kulisse ohne jeglichen Erkenntniswert. Es finden sich kaum Gesichtspunkte, die das kriminalliterarische Narrativ in irgendwelche oppositionelle Positionen zu vorgängigen, offiziellen Deutungen bringt. Oft hat man sogar den Eindruck, dass Kutschers Wikipedia-Bild der Zeit sich in tiefster, höchstens leicht überzeichneter Harmonie mit dem, was man eh schon weiß, befindet. Das Argument, es sei wünschenswert, durch simple, unterkomplexe Narrative mit angeblichem Unterhaltungsfaktor Interesse für geschichtliche Zusammenhänge zu wecken (ähnlich unfugig wie das Argument, es sei egal, was Leute lesen, wenn sie nur lesen) ist der Guido-Knopp-Faktor im belletristischen Kalkül. Weimarer Dekadenz und Nazi-Grusel haben, wenn überhaupt, einen a-historischen Umgang mit Historie zur Konsequenz, dem es am schlichtesten Bewusstsein für die Alterität historischer Gegebenheiten mangelt. So gesehen unterscheiden sich dann die Romane dieser Sorte strukturell nicht groß von den putzigen Anachronismen der Cicero-Romane von Robert Harris (Cicero als Chef einer Law Firm, wie wir sie von John Grisham kennen, und alles stramm von family values durchtränkt) oder einem Eiszeit-Krimi, den ich mal auf dem Schreibtisch hatte (ich wüsste gerne, ob den jemand realisiert hat), in dem der Schamane seine Höhlenmitbewohner danach gefragt hat, wo sie um 17:00h waren. Es stand allen Ernstes da.) Der Wunsch nach möglichst einfachen Weltbildern ist nicht nur ein allgemein betrübliches politisches Phänomen, er hat schon längst auch die Kulturproduktion kontaminiert. Das funktioniert im Fall Kutscher et al., bei „Deutschland 83“ hat es nicht funktioniert. Vermutlich weil noch genügend Leute leben, die wissen, dass die Friedensbewegung keine Marionette der Stasi war, dass man auch schon 1983 nicht im Nato-Hauptquartier einfach Steinzeit-Wanzen anbringen konnte und keine Top-Secret-Papiere im Hotelschließfach gelassen hat.

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