In diesem Sinne darf man wohl sagen, dass Stendhal sich selbst dementiert bzw. korrigiert hat.
     Aber was hat dies mit dem Genre Kriminalroman zu tun?
     Ich definiere das Genre folgendermaßen: eine Literatur, die in spannender Dramaturgie von (Gewalt-)Verbrechen, ihren Erscheinungsformen, ihren Ursachen, ihren Folgen für betroffene Individuen und die Gesellschaft sowie ihrer Aufklärung erzählt – ob naturalistisch, realistisch oder visionär, sei dahingestellt.

Ein nicht unerheblicher Teil von Verbrechen findet im Zusammenhang mit politischen und sozialen Intrigen statt – also ist die Politik logischerweise eines unserer Themen. Der politische Kriminalroman stellt ein Sub-Genre dar, mit vielen Aspekten, angefangen beim Thema Überlebenskampf der Unterprivilegierten über Verschwörungen in gesellschaftlichen Institutionen bis hin zu staatlich geförderten bzw. in Auftrag gegebenen Gesetzesübertritten und Gewalttaten in Bereichen wie Spionage und internationaler Diplomatie.

Wenn wir davon ausgehen, dass ein Kriminalroman ein Stück Literatur ist, dann stellt sich die Frage nach der Thematisierung von Politik genauso wie bei Stendhal:

Politik in der Literatur – ein Pistolenschuss, markerschütternd und vulgär? Ja doch! Großartig, ausgezeichnet!

     Denn genau darum geht es in der Kriminalliteratur. Geben wir es ruhig zu: Wir lieben das Vulgäre, die grellen Effekte, das Plakative, das Abseitige, das Störende!
     Der Provokation der missratenen sozialen Verhältnisse, dem Skandal des Verbrechens, dem Egoismus der Mächtigen stellen wir unsere Provokation der grellen, effektvollen und gnadenlosen Darstellung dieser Umstände entgegen.

Dabei geht es nicht um süffisante Rechthaberei oder die Lust am Morbiden oder gar Gewaltpornographie, sondern um Parteinahme. Um eine Parteinahme für die Erniedrigten, Beleidigten und Unterdrückten, für die Betrogenen, Ausgenutzten und Ausgebeuteten, für die Vergewaltigten, Gequälten und Ermordeten, für die Opfer von Machtgelüsten und Herrschaftswahn. Das Verbrechen hat zahllose Facetten, mal steckt es unter dem Hut eines rücksichtslosen Kapitalisten, mal unter der Kapuze eines durchgeknallten Aktivisten, mal trägt es Hosen mit Bügelfalten, mal eine geblümte Schürze.

Indem wir die Welt erzählen, interpretieren wir sie. Also sollten wir sie verstehen, um zu wissen, was wir tun. Wenn wir die Verhältnisse kennen, unter denen Verbrechen entstehen, wenn wir die Umstände erkundet haben, ergreifen wir, indem wir darüber schreiben, unweigerlich Partei für oder gegen Täter und Opfer, die Mächtigen und Ohnmächtigen, für oder gegen Herrschaft und Widerstand. Wenn es, wie fast immer, Grauzonen gibt, wo diese Bereiche sich mischen, dann sollten wir diese undeutlichen Zwischenräume deutlich machen.

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