Die Realität ist oft komplexer. Wer ist es, der wirklich getötet hat? Wer war es im Algerien der 1990er? Bürgerwehren? Islamisten? Salafisten? Soldaten? Einfache Kriminelle? Familienangehörige im Rahmen eines Erbschaftsstreits? Wer war es im Libanon der 1980er Jahre? Phalangisten? Drusenmilizen? Oder der in nahöstlichen Verschwörungstheorien so allgegenwärtige Mossad? Wer ist es heute in Syrien? Die Hisbollah, die Chemie des Herrn Assad, Al-Nusra oder Todesbrigaden der Alawiten? Lässt sich das alles überhaupt auseinanderhalten? Gibt es die ganzen Gruppen überhaupt? 
     Robert Fisk beschreibt es meisterhaft in seinem Standardwerk „Pity the Nation“, einer gefühlten Mischung aus Tatsachenbericht und realem Krimi über die arabische Welt. Keine politische Debatte, kein politischer Mord und kein Massaker irgendwo südlich des Mittelmeers ohne „den Plot“. „Der Plot“ trägt die Schuld an allem. Er ist die Verkörperung bizarrer Verschwörungstheorien und lässt die Grenzen zwischen Opfern, Tätern, Finsterlingen, Profiteuren, betrogenen Ehefrauen, Kriegsverbrechern und Terroristen verschwinden. Er ist allgegenwärtig in jedem Internetforum zu fast egal welchem Thema. Als Leser eines Whodunit habe ich es da einfacher. Ich folge den Zeilen, die mich vielleicht auf verschlungenen Faden, aber immer doch konsequent, bis zur letzten Seite führen. Einen Schritt vor den anderen. Es können Wachsblumen sein oder auch indische Tücher. Gerne auch Zinnsoldaten aus einem fernen Kolonialkrieg, die das Opfer vor seinem Tod noch so in Position gerückt hat, dass sie den entscheidenden Hinweis geben. Auch wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, so ist es doch unumstößlich. Schwarz auf Weiß.
     Der „Plot“ folgt einer anderen Logik. Nichts ist klar. Das Ergebnis erst recht nicht. Niemand ist mit den Ereignissen im heutigen Syrien, im Algerien der 90er oder wo auch immer wirklich zufrieden. Vielleicht ist das gerade der Grund, warum wir so verzweifelt nach unterschiedlichen Lösungen suchen und uns die abwegigsten Dinge ausdenken. Wer war es? Warum kommt kein kultivierter englischer Meisterdetektiv und löst den Fall für uns?
     Die Antwort liegt mir auf der Zunge. Damit wir weiterdenken. Damit wir nicht Schluss machen, wenn uns die Lösung vorgetragen wird und das Buch zuschlagen können. In diesem Sinne ist der Plot immer politisch, den er endet nie … qui tue qui? Die Frage stellt sich noch immer.

Jörg Walendy © 03/2014

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