Die "Gangster“-Erzählungen von Donald E. Westlake bis Garry Disher, von Elmore Leonard bis Jerome Charyn sprechen eine andere, realitätstüchtigere Sprache. Man kann es als Verbrecher, siehe Charyn, auch zum Präsidenten der USA bringen, was angesichts der aktuellen Situation nicht mehr länger als reine Halluzination gelesen werden kann. Lassen wir mal das Spezialthema aus, dass die übelste Gang immer noch die Polizei ist – ein Thema, an dem sich aktuell ausgerechnet die Südafrikaner (Mike Nicol etc.) und die Australier (Peter Temple, David Wish-Wilson, Stephen Greenall) besonders produktiv abarbeiten –, so fällt doch auf, dass ausgerechnet die deutsche Kriminalliteratur in dieser Hinsicht sehr wenig zu bieten hat. Man könnte natürlich flugs vermuten, dass ein Volk, das sich als bis dato unerhörtes Verbrecherkollektiv präsentiert hatte, im Nachgang (der bis heute anhält) mit solchen Typen nichts am Hut haben will – und lieber mantraartig auf allen Kanälen das Verbrechen im Nahbereich (Beziehungstat) oder auf der kleinkriminellen Lumpi-Ebene abhandelt. Das war nicht immer so, immerhin hatten wir vor 1933 die Figuren von Walter Serner, wie hatten Arturo Ui (naja, aus dem Exil 1941), wir hatten immerhin auch „Dr. Mabuse“ (na gut, Norbert Lacques war Luxemburger), wenn auch als deutschen Reflex auf die übergroßen und multimedial aufgestellten Verbrechergestalten wie Fantômas. Natürlich gab es kriminelles „Milieu“, bei Döblin, bei „M“, aber die Dominante war auch da schon psychopathologischer oder persönlicher Natur. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den Deutschen beider Staaten kräftig eingebläut, dass man mit „dem Verbrechen“ schon fertig werde, benutzte dafür aber (meistens) nur die mikrokriminelle Ebene. Hin und wieder zogen Derrick und der Kommissar Ode ein paar Dealer (Stichwort: kleinkriminelle Lumpis) aus dem Verkehr, Schimanski hatte es zumindest ein paarmal mit Bandenkriminalität zu tun, aber die „Gangsterseite“ blieb seltsam unbearbeitet. Das gilt selbst dann, wenn wir die (gar nicht so metaphorische) Ebene auslassen: Zwar vermutete schon der deutsche „Soziokrimi“, dass die Reichen und Mächtigen eher immer die Bösen sind, aber das scheint auf deutsches Denken keinen großen Einfluss gehabt zu haben. Wie oft hören wir im Zusammenhang mit Dieselgate oder Deutscher Bank die Worte „Organisierte Kriminalität“? Eben. Vielleicht auch deshalb, weil wir verbrecherische Aktivitäten, gerade wenn´s „kritisch“ werden soll, dann auf der Ebene von Landräten oder Sparkassenvorstehern ansiedeln.

Aber im Grunde geht´s um die gar nicht. Wenn in deutschen Fiktionen Menschen ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Aktivitäten verdienen, geraten wir in die Randbereiche dessen, was man inzwischen unter Kriminalliteratur versteht, sind sie dann Gangster? Natürlich gab und gibt es schüchterne, wenn auch brillante Versuche in diese Richtung – bei Ulf Miehe, bei Frank Göhre, literarisch weniger gelungen bei Wolfgang Schweiger oder Willi Voss, und vermutlich tummeln sich in den Tümpeln des SP auch ein paar Versuche. Und jetzt wird´s dünn. Frauen, die Gangsterromane schreiben? Naja, auch international ein Defizit, immerhin fallen mir im ersten Moment Jenny Siler oder Helen Zahavi ein. Filmisch sieht´s ein bisschen besser aus – Dominik Graf, klar, Lars Becker und ein paar andere. Aber gegen die Lawinen von Gangster-freien Kriminalerzählungen sind das nur ein paar Tröpfchen. Auch der Bandit als Rebell (cf. Hobsbawm) hat als Topos bei uns keine Chance. Keine melville´sche Figuren nirgends. Funktioniert, wie der Privatdetektiv, der ja das Fotonegativ des Gangsters ist, aus sachlichen Gründen bei uns nicht, hört man immer wieder gebetsmühlenhaft. Das stimmt vielleicht mit Müh und Not für den klassischen PI, aber sicher nicht für den Gangster. Außer man will uns einreden, dass es diesen Typus bei uns nicht oder nur selten und wenn überhaupt, nur auf der Ebene des leicht beschränkten Einbrechers oder Bankräubers gibt. So, als ob Polizeikorruption nur als vereinzeltes Skandalon denkbar sei. Ach?

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