Eine ähnliche Entwicklung durchläuft Kay Adams, die amerikanische Verlobte Michael Corleones. Fasziniert von seiner Veränderung heiratet sie ihn und nimmt den Platz ein, den ihr die patriarchalische Struktur zugedacht hat: eine Ehefrau und Mutter, die von den Geschäften des Mannes nichts weiß. Als sie erfährt, dass Michael seinen Schwager und zahllose andere Männer ermorden ließ und sie über seine Beteiligung an den Taten belogen hat, verlässt sie ihn. Jedoch lässt sie sich dann von Tom Hagen, dem einzigen anderen Nicht-Sizilianer, von ihrer Rückkehr überzeugen, indem er ihr erklärt, wie unverzeihlich Verrat sei und dass Michael ihr niemals etwas tun würde. Daraufhin fügt sie sich endgültig in die Rolle, die schon ihre Schwiegermutter hatte: Sie betet für das Seelenheil ihres Mannes. In der Konsequenz der dezidiert männlichen Perspektive und Konzentration auf die Männer der Corleones bedient „Der Pate“ hier eine weitere konservative Sehnsucht: die Frau bleibt auf Kirche und Küche beschränkt in einer Zeit, in der die Frauenrechtsbewegung sehr aktiv ist. (Die Filme gehen hier einen etwas anderen Weg: Michaels Lüge bleibt zwischen den Eheleuten bestehen, obwohl Kay die Wahrheit ahnt, und sie entfremdet die Eheleute im zweiten Teil, so dass ihre Beziehung scheitert. Im dritten Film (1990) gesteht Francis Ford Coppola den Frauen dann mehr Einfluss zu.)

Durch den Erfolg des Romans und des Films wurde das Leben eines Mafioso romantisiert. Stets umwebt den Outlaw die Grenzen- und Ruchlosigkeit, die zu Fantasien über Freiheit einladen. Nun begannen auch wahre Mafiosi, den fiktiven Vorbildern im Stil und Habitus nachzueifern. So wurde laut Roberto Saviano der Begriff „Pate“ (padrino) in Sizilien oder Kampanien nicht benutzt, da er nur eine ungenaue Übersetzung des Wortes godfather sei. Nach dem Film jedoch begannen die italienischstämmigen Mafiafamilien in den USA dieses Wort zu verwenden. (Ähnliches geschah nach Tarantinos „Pulp Fiction“, durch den Möchtegerngangster ihre Waffe plötzlich bevorzugt waagerecht halten.) Jedoch sparen Film und Roman die Schattenseiten, die Brutalität der Mafia aus, Realität ist hier nicht zu finden. Erst ein anderer Sohn italienischer Einwanderer setzte dem romantischen Mythos des „Paten“ wenigstens etwas Realität entgegen: Martin Scorsese mit „Goodfellas“.

Sonja Hartl © 01/2015

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