Weniger ein Buch über das organisierte Verbrechen als ein Familienroman stehen in der „Der Pate“ Schilderungen von Verbrechen, Zusammenkünften der fünf führenden Familien und Strukturen der organisierten Kriminalität neben Szenen aus dem Leben einer italienischen Familie. Mit dieser Verbindung aus Verbrechen und Familie schuf Puzo den Kern des Mafia-Mythos: Es geht um „la famiglia“. Von Anfang an ist Vito Corleone eine Vaterfigur, er tritt erstmals selbst bei der Hochzeit seiner Tochter in Erscheinung. Als Patriarch hat er starke traditionelle Werte: Er missbilligt Ehebruch, weigert sich, sich am Drogenhandel zu beteiligen, der Schutz der Familie steht über allem und die Ehre muss bewahrt werden. Deshalb verdienen die Corleones ihr Geld nicht mit schmutzigen Verbrechen, sondern mit dem ‚sauberen‘ illegalen Glückspiel. Ihre Feinde werden nicht grundlos ermordet, sondern haben zuvor ein schlimmeres Verbrechen begangen. Die Bestrafung der Vergewaltiger von Buonaseras Tochter wird somit nicht als Rache oder Selbstjustiz empfunden, sondern als gerechte Notwendigkeit, nachdem das staatliche Rechtssystem sich als ebenso korrumpiert herausgestellt hat. Sogar die Rache für Sonnys Ermordung – eine Erinnerung für den Leser, dass die Corleones in einer gewalttätigen Welt leben – geschieht aus der Notwendigkeit heraus, die Sicherheit und den Einfluss der Familie zu erhalten. Es sind vermeintlich ehrenhafte Verhaltensweisen, die faszinieren: Verlässlichkeit, Treue und Vertrauen, gipfelnd in der omertà. Diese Regeln sollen die Illegalität der Geschäfte vertuschen, sie erwecken aber zugleich den Anschein, dass Morde an denjenigen, die sich nicht an die Regeln halten, gerechtfertigt seien.

Vertrautes in einer verunsicherten Welt

Die Corleones erscheinen als ehrenwerte Familie, sie bedienen in der durch den Vietnamkrieg und soziale Umwälzungen verunsicherten amerikanischen Gesellschaft die Sehnsucht nach einer funktionierenden Familieneinheit, die darüber hinaus Teilhabe an der Macht und Autorität verspricht. Die Organisationsstruktur der „famiglia“ ist ein Verbund, in dem eine strenge Hierarchie herrscht, die aber zugleich den Erhalt und Erfolg sichert; es sind spezielle Bande, die eine „famiglia“ zusammenhalten, und sie werden in „Der Pate“ verklärt. Dabei geht es aber nicht um die Familie an sich, sondern um die Corleones, andere Familien bleiben ebenso wie externe Sichtweisen auf die Taten der Corleones außen vor. Dadurch erscheinen die Corleones als besonders schützenswert und ehrenhaft.

Auch die zweite Hauptfigur des Buches – Michael Corleone – erkennt im Verlauf der Handlung, dass er seine Familie schützen muss. Obwohl er versuchte, sich gegen diese Lebensweise aufzulehnen und einen anderen Weg zu finden, folgt er der Tradition und wird ebenso wie sein Vater ein Mann, der gefürchtet und bewundert wird, mutig und rücksichtlos ist und zwischen Bösewicht und Held changiert.

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