Man hat sich ein Bild von ihm machen wollen. Zweck dieses Bildes ist, ihn zu identifizieren. Doch das Bild ist ungenau: ‘So wie die alle aussehen. Schwarz angezogen, Knieschützer, Basecap, fingerlose Handschuhe.’

    ‘Und lange Haare. Er ist mindestens zwanzig Jahre älter als wir.’

    Das wurde mehrfach gesagt, auch von anderen Zeugen. ‘Älter als wir.’

    ‘Und er kam immer erst abends?’

    ‘So um sechs. Wahrscheinlich arbeitet er.’

 

So sprachen die anderen. Die, die er nicht kannte, die ihn nicht kannten. Über ihn, über die Sache, die ihnen immer klarer wurde. Über die sie sich weiter unterhielten, als der von der Kriminalpolizei weg war. Und am nächsten Tag machten sie dann detailliertere Aussagen. Erinnerten sich bereits viel genauer.

    Und er selbst? Hatte er die vier je wahrgenommen? – Nein, für ihn waren sie nur Zuschauer gewesen, die auf Bänken oder den überdimensionierten Betonblöcken saßen, mit denen das Grünflächenamt die Beete hatte einfassen lassen.

 

Jetzt geht es um den Tag, an dem sich für ihn so vieles änderte. Vierzehnter Oktober, es hat zwei Nächte vorher zum ersten Mal gefroren. Es ist kurz nach sechs, und die Abendstunde ist von einem orangefarbenen Glühen erfüllt. Senkrecht über ihm ein dunkelblauer, bereits zur Nacht neigender Himmel, wie er zu dieser Jahreszeit oft vorkommt.

    Und er fährt. Die kleinen Räder erzeugen ein helles, dynamisches Geräusch. Es bricht ab, wenn er springt. Mit seinem Brett. Es klingt anders auf der steinernen Tischtennisplatte und wieder anders auf dem Beton der Einfassungen.

 

Für all jene, die ihm zusahen, für jene, denen er mehr auffiel als sie selbst wussten.

    Für all jene war er doch eigentlich nur einer von vielen.

 

Bevor er auf sein Brett springen kann, muss er die Warschauer Brücke überqueren. Stets bleibt er stehen, tritt ans Geländer. Niemand weiß, dass dies seine Stunde ist, die Zeit, da das Rot des Horizonts immer schneller nach oben wächst, dabei seine Farbe verändert. Wenn er hier über der Spree steht, sieht er die Fläche des Wassers, dessen Reflexionen sich um diese Zeit schnell verbreitern.

    Keiner von denen, die ihm kurze Zeit später dabei zusehen wie er fährt, weiß, dass sie für ihn nur Schatten sind. Er lächelt ihnen manchmal zu, wenn ein Sprung besonders geglückt ist. Doch gilt das Lächeln nicht ihnen. Ob sie zurücklächeln? Er hätte es nicht sagen können.

    Seit drei Tagen ist etwas anders für ihn. Er hatte am Donnerstag in das Gesicht des Mädchens geblickt. Es war wohl Zufall gewesen. Gewollt hatte er das sicher nicht. Sie hatte ihn angelächelt. Schüchtern. Sie saß auf einer der Bänke und ihm war sofort aufgefallen, dass sie hübsch war. ‘Eigentlich hübsch’, hatte er innerlich hinzugefügt. ‘Eigentlich’ wohlgemerkt, denn die Farbe ihrer Haare, die Tatsache, dass sie sich die linke Hälfte wegrasiert hatte … ‘Sie könnte hübsch sein’, entschied er schließlich.

    Vieles an ihr passte für ihn nicht zusammen. Ihr Blick. Als würde sie auf etwas warten. ‘Und traurig.’ Sie trug trotz der Kälte einen kurzen Rock und ein T-Shirt auf dem ‘Love me’ stand. Aber warum diese Lackschühchen wie Kinder sie früher mal trugen? Wollte sie aussehen wie eine Nutte? Aber warum, wenn sie so eine war, hatte sie ihre Oberschenkel zusammengepresst, als er sie ansah. Vieles an ihr war unerklärlich, sie begann ihn zu interessieren.

    Vorgestern hatte er sich dann zu ihr gesetzt und gesagt: ‘Na?’

    Daraus hatte sich ein Gespräch entwickelt, bei dem er mehr geredet hatte als sie.

 

Für jene, die ihm dabei zusahen, für jene, denen das mit ihm und dem Mädchen mehr auffiel als sie selbst wussten, sah alles so harmlos aus, dass es sie nicht interessierte. Nicht in Berlin. Nicht in ihrem Alter. Nicht hier in der Nähe der Warschauer Brücke.

    Und doch nahmen sie es wahr. Jene, die ihn und das Mädchen sahen.

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