Auf der anderen Seite ist auch das lauthalse Mögen von Losern identifikatorisches Lesen. Dafür gibt´s den roman noir. Caine, Goodis, Woolrich, Williams etc. Da schimmert dann der gute Camus durch und wir wissen a priori, das wird nicht gut enden. Alles Loser. Und wir betrachten ihren Niedergang fast wolllüstig, je konsequenter und höllenschwärzer, je böser und fieser, desto besser. Gerade hat Jon Bassoffs „Zerrüttung“ neue, radikale Schwarzwerte gesetzt, diesmal mit der Hilfe des HErrn, was nur konsequent ist, liefert doch das Alte Testament Loser-Stories galore, nur dass dort die Hiobs & Co. bei Wohlverhalten doch auf das Paradies hoffen dürfen. Aber das geht im säkularen 20. und 21. Jahrhundert nicht mehr so einfach, zumal die Breughels und Boschs schon im Herbst des Mittelalters ziemlich skeptisch waren. Interessanter waren auch da schon die Totalloser in der Hölle und was man sich so an perfiden Schikanen für sie ausdenken mochte. Heute ist die Hölle schon auf Erden perfekt, vor allem, wenn man nicht genug Kohle hat und nicht genug Macht, um transzendentale Probleme monetär lösen zu können. Da hilft nur der möglichst schick inszenierte Abgang, wie der von Dewey Decimal in der gleichnamigen Trilogie von Nathan Larson, oder Donnas Feldzug gegen den Fatman bei Helen Zahavi. Und wer den nicht hinkriegt, der endet zerschossen wie Derek Raymonds Kléber in „Nightmare on the Street“ oder er wird verscharrt wie John Moon in Matthew F. Jones´ „Ein einziger Schuss“. Doppelloser, sozusagen.

Als Loser gelten, und mögen sie noch so miese Charaktermolche sein, die klassischen Männer des klassischen Noir, die den klassischen bösen Frauen in die Fänge fallen.  Frank Chambers und Walter Neff von James M. Caine oder Harry Madox aus „Hell hath no fury“ von Charles Williams. Nur wer protestantisch sittlich bleibt und an der eigenen Misogynie festhält wie Philip Marlowe oder Sam Spade, kann diesem typischen Loser-Ende entgehen. Die Schlampen kommen natürlich auch nicht gut weg. Aber sexuelle Autonomie von Frauen soll ja nicht gut ausgehen, das wollen die family values und die „Männerfantasien“ so. Ob deshalb Frauen, die davonkommen wie Candice Fox´ Eden oder Helen Zahavis Bella aus „Dirty Weekend“ oder die Lustmörderin Violetta von Pieke Biermann, von vielen Frauen so gar nicht gemocht werden? Männerphantasien?

Oder sollen wir in „gute“ und „böse“ Loser unterscheiden? Müssen wir ein Alptraum-Doppel-Scheusal wie Bassoffs Joseph Downs/Benton Faulks „verstehen“, weil wir in dem einen das gequälte, irre gewordene Kind sehen oder den kalkulierten Killer im anderen? (Ein Vorzug von Bassoffs Roman ist, dass er diese Variante gar nicht erst ernsthaft anbietet), aber bei vielen Serialkillern minderer Machart könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass wir den Loser als Opfer liebgewinnen, auch wenn er dann letztendlich schlachtet und metzgert. Was bleibt dem armen Mann denn sonst übrig?

Sind Siegertypen langweilig? Oder nur ironisch zu ertragen, wie der James Bond der Verfilmungen? Oder als camp, wie die Helden der Edgar-Wallace-Filme? Der literarische Bond und die Edgar-Wallace-Romane zeichnen sich ja nicht durch komische Brechungen aus, sie sind genauso monolithisch und schussfest ernst gemeint wie die meisten der Loser-noirs. Oder hat man Angst, dass – sollte Komik auftauchen – der Loser-noir in Tölpel-noir umschlägt? Dann wäre das Pathos weg, die existentialistische Schwere angekratzt, die Empathie, die man anscheinend empfinden möchte, gefährdet. Man dürfte womöglich, horribile dictu, die eigene Betroffenheit, die via Identifikation bekundete Sympathie für die Underdogs und Außenseiter, nicht als so ganz heilig und erhebend empfinden. Und könnte dadurch die Zementierung der Verhältnisse, die ja den Außenseiter und den Underdog durch ihre Feier als „tragische Figur“, als deswegen nobleres Wesen, festschreibt, gar mit Rissen versehen. Aber es scheint, als ob der Loser feste Verhältnisse braucht, ein festes Normensystem, das ihn gesellschaftlich konsensual auf die Loser-Rolle festschreibt, um ihn umso herzlicher liebhaben zu können. Scheinhafte Subversion als stramme Affirmation. Deswegen wird mir bei solchen Emphasen immer ein wenig blümerant, was aber nur gilt, wenn die Gegenbildlichkeit nicht das stumpfe Abfeiern irgendwelcher Heldenfiguren ist. Oder mit anderen Worten: Es ist mal wieder kompliziert.

Thomas Wörtche © 11/2016

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