Was ist Noir für Sie?

Ich mag Dennis Lehanes Definition vom Noir als Tragödie der Arbeiterklasse. Das ist der Leitfaden für mich, und in meiner Arbeit halte ich mich streng daran. Es muss eine Tragödie, es muss Arbeiterklasse sein. Das bedeutet nicht, dass andere nicht ihre eigenen Definitionen haben, aber ich mache keine Polizeiromane, keine Schlapphüte, keine Femmes fatales oder irgendetwas. Damit will ich diese Dinge nicht herabsetzen, ich lese gerne solche Romane, aber ich habe kein Interesse daran, sie zu schreiben. Außerdem ist Noir „gut-check-literature“. Es gibt keine Ironie. Charaktere werden nicht beurteilt. Die einzige Sache, die ich an meinem Arbeitsplatz habe, ist ein Post-it-Zettel, auf dem steht: Grab tiefer. Damit will ich mich daran erinnern, dass ich alles verliere, wenn ich anfange, meine Charaktere zu verurteilen. Ich will, dass meine Leser sich um Menschen sorgen, um die sie sich niemals sorgen wollten. Und damit sie das machen, muss ich einen Weg finden, mich ebenfalls um sie zu sorgen. Sie so verstehen, wie sie sind.

Ich habe gelesen, dass Sie Ihren Schreibstil als „Country noir“ bezeichnen. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Er meint nur Noir als eine Tragödie der Arbeiterklasse, die in der ländlichen Bevölkerung stattfindet. Ich bin in dieser Welt aufgewachsen. Wir haben so weit von urbanen Zentren weg gelebt, wie man konnte. Wir hatten keine Elektrizität, kein fließendes Wasser oder gar eine Krankenversicherung. Das sind die Menschen, die mich interessieren. Die meisten Romane, die in den USA publiziert werden, sind von, über und für diejenigen, die in den städtischen Metropolen an den Küsten leben. Es gibt viele Landstriche dieses Landes, die komplett vergessen wurden. Und Country noir ist über diese Gegenden.

Welche anderen Noir-Schriftsteller haben Sie beeinflusst?

Da meine Definition von Noir sehr an der Idee der „Tragödie der Arbeiterklasse“ hängt, zähle ich viele Autoren zum Noir, die andere vielleicht nicht dazuzählen würden. Cormac McCarthy, besonders mit seinen späten Romanen, hat so großen Einfluss auf mich, dass ich sehr bewusst jedes meiner Bücher durchgehe und den Cormac austreibe, weil seine Sätze mich zerstören – wenn ich nicht aufpasse, fange ich an, sie zu schreiben, mit vorherzusehenden schrecklichen Konsequenzen. Auch James Ellroy schwebt drohend über mir. In seinem Fall ist es weniger der Stil – obwohl ich glaube, er ist ein erstaunlicher Kunsthandwerker – als die thematische Richtung von Büchern wie „American Tabloid“, über das Marlon James kürzlich schrieb, es sei der amerikanische Roman, der vor uns allen feststellte, dass der amerikanische Traum der Albtraum eines anderen sei. Ich kann die große Skala, die Ellroy bearbeitet, nicht abarbeiten, ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, es zu versuchen, aber ich liebe seinen Umgang mit der Geschichte.

Gibt es Bücher, die Sie besonders beeinflusst haben?

Es gibt zwei Bücher, die mein Leben seit den Zwanzigern bestimmen, und eines folgt tatsächlich aus dem anderen: Das erste ist „Moby Dick“. Ich weiß gar nicht mehr viel darüber, außer dass es mich gefangengenommen hat. Ich habe es wieder und wieder gelesen. Diese Intertextualität und die Art und Weise, wie es mit der Welt hadert, hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Und durch „Moby Dick“ habe ich „Blood Meridian“ in den früheren 1990er-Jahren entdeckt, weil McCarthy in einem Artikel schrieb, „Moby Dick“ sei sein Lieblingsbuch. Ich habe die Hälfte meines Lebens damit verbracht, in der Umlaufbahn von „Moby Dick“ zu lesen, und ich weiß nicht, ob irgendein Teil dieses Buchs meine Arbeit beeinflusst. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob wir in einer Welt leben, in der ein solches Buch noch einmal geschrieben werden kann. Aber ich liebe es und komme – wie manche Menschen mit der Bibel – immer wieder darauf zurück.

Der Kriminalroman gilt vielen Liebhabern als der beste Weg, unsere Gesellschaft zu beschreiben und zu analysieren. Was denken Sie darüber?

Das stimmt genau. Für mich definiert Verbrechen eine Gesellschaft. Wen wir in der Gesellschaft akzeptieren, ist ein Ergebnis dessen, was wir als Verbrechen bestimmen. Verbrechen selbst ist die gesellschaftliche Schranke: Wenn man ein Verbrechen begeht, ist man außen vor; wenn man sich an Gesetze hält, gehört man dazu. Wenn wir also über Verbrechen nachdenken, denken wir darüber nach, was unsere Gesellschaft erlauben und verbieten wird, wer dazugehört und wer nicht. Es scheint mir, dass wir viele Menschen einschließen, ohne die wir könnten – manche kandidieren sogar als Präsident meines Landes –, und auf die gleiche Weise können wir von denen lernen, die wir ausschließen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sonja Hartl © 11/16

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