Wobei wir wieder in den USA angekommen wären. Alle, notfalls protektionistische und geopolitisch gestützte, Marktmacht, wäre zwecklos, hätten die USA nicht für „populäre Kultur“ global attraktive Konzepte gefunden. Wobei Attraktivität auch gewisse Qualitäten meint. Eine Qualität: Veränderungen und Innovationen im Genre (und damit dann übers Genre hinaus) nicht nur anzuschieben, sondern auch international durchzusetzen und Standards zu definieren, an dem sich andere Gegenden dieser Welt permanent abarbeiten. Eine andere Qualität liegt in der schon immer vorhandenen Janusköpfigkeit der amerikanischen Populärkultur in allen von ihr geschaffenen Genres. Sie alle können, strukturanalog, aber deswegen noch lange nicht funktionsanalog, sich innerhalb der Genres gegenseitig sabotieren und dementieren. Auf einen S.S. van Dine kann ein Hammett folgen und auf den wiederum ein Mickey Spillane, der wiederum von einem Robert W. Campbell oder einem J.W. Rider gekontert werden kann. Gegen das optimistische Go-West standen relativ schnell Jim Thompson und seine verrotteten Midwest-Szenarien, gegen den Californian Dream waren schnell Nathaniel West. James M. Cain oder der frühe Chester Himes getreten. Patricia Highsmith vergiftet die amerikanischen Seelen mit ihrem bösen Blick, Ross Macdonald mit psycho-analysierenden, aber nicht psychoanalytischen Tiefenbohrungen. James Grady, Ross Thomas und Robert Littell griffen die Machtgrundlagen der US of A direkt und radikal an, Jerome Charyn verwüstete erbarmungslos das moralische Millimeterpapier, auf dem sich die American Values sicher fühlten. Joseph Wambaugh (in seiner mittleren, besten Phase) oder Charles Willeford verdampften mit ihren Monstercops und Soziopathen das Vertrauen in eine nicht psychopathologisch aufgestellte Ordnungsmacht. James Crumley & Co. demontierten die eh schon angeschlagenen private eyes und Sara Paretsky und die erste Generation der Sisters-of-Crime (nicht mit dem heute gleichnamigen Damenkränzchen zu verwechseln) sägten erfolgreich an der gendermässigen Quotierung des Genres, während Sara Grans Claire deWitt die letzten fragilen Konsenskonstellationen ins Delir schießt. Logische Konsequenz ist dabei, dass auch die eigenen Gründungsnarrative, anscheinend festgefügt und bis zur Bewusstlosigkeit zementiert, in die Schusslinie geraten: Pete Dexters „Deadwood“, die Romane von James Carlos Blake und Donald Ray Pollock unterziehen konventionelle Geschichtsbilder und davon abgeleiteten Ideologien einer grundsätzlichen, schmerzhaften Revision – und die Ergebnisse sind nicht schön, trostreich und gläubig schon gar nicht. Natürlich finden nicht alle dieser Sabotageakte im Genre crime fiction statt, wie auch, das Genre ist keine Monade, die nicht nach links und rechts schaut, nicht zu Melville, dos Passos, Burroughs & Co, und das Genre ist schon immer transmedial, weshalb wir die ganzen bewegten Bilder und unbewegten Bilder nicht aus dem Blick verlieren sollten. Auch kann man ähnliches für andere Genres, für Science Fiction, für Western, für Horror und so weiter, behaupten. Aber darum geht es hier nicht wirklich. Die crime fiction hat ihren gewaltigen Anteil an der immerwährenden, persistenten Demontage ihrer anderen Hälfte. Denn während alles passiert ist und noch passiert, gibt es ja das andere Gesicht des Januarius, die Tess Gerrittsens und Karin Slaughters und wie die anderen, eher gläubigen affirmativen Autoren und Autorinnen bis zum derzeitigen Don Winslow heißen. Dass sich beide Gesichter produktiv bedingen, macht die Stärke des amerikanischen Modells aus, seine Wirkmächtigkeit, seine globale Modulationsfähigkeit.

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